Partner: Stadt ZürichZKB

Tagtraum von Mirja Gabathuler

Text des Monats November 2012 (Thema: Familie)

Autor/in:

Tagtraum

Solange wir in Bewegung sind, wird niemand uns entdecken, sage ich mir selbst, doch erst als wir die Stadt hinter uns gelassen haben, lässt das Zittern meiner Hände nach. Die Schnellstrasse führt uns durch die tristen Randbezirke, vorbei an den letzten Ausläufern meiner Wahlheimat, vorbei an ihren Wohnblocks, menschenleeren Schrebergärten und baufälligen Fabrikhallen. Das Auto riecht nach kaltem Zigarettenrauch, der Geruch hat sich in die Sitzpolster eingebrannt, in die beschlagenen Scheiben. Ich kurble das Fensterglas herunter, strecke mein Gesicht in den Fahrtwind und halte den Atem an. Als ich mich im Rückspiegel wiederfinde, sind meine Wangen von der Kälte rot und aufgedunsen. Draussen ziehen die immer gleichen Ortschaften vorbei, im letzten Licht des Tages sehen sie aus wie brüchige Kulissen. Ich forme mit den Lippen ihre immer gleichen Namen, benenne die fremden Mauern fremder Leben, flackernde Lichter des Gegenverkehrs huschen vorbei, lustige Gespenster, tauchen auf und ab in der Dämmerung, in ihrem Rhythmus verschwindet meine Unruhe, wie ein Herzschlag springen sie auf und ab. Manchmal donnern schwere Laster wie behäbige Ungetüme über die holprige Strasse, mir bleibt das Herz stehen und ich lache, wenn sie an uns vorbeizischen.

Malena hat früher hin und wieder laut gelacht, fast nie, oder bloss selten wenn ich bei ihr war. Als hätte sie geahnt, wie schwer es mir fiel, in ihrer Nähe unbeschwert zu sein. Wir müssen uns damit abfinden, dass Kinder verschieden sind, meint Yolanda.

Kurz vor der Grenze überholt uns ein weisser Reisecar. Seine Räder pflügen durch die Nässe der Strasse und aufwirbelnde Tropfen haben die Rückseite mit einer bräunlichen Schmutzschicht überzogen. Über dem ausländischen Nummernschild prangt eine Reklame, drei vergnügte Gesichter, ehemals sauber, Mann, Frau, das Kindlein mit Zahnpasta-Lächeln und ulkigen Zöpfen, die bei dem hohen Tempo über das schmutzige Blech zu flattern scheinen. Die roten Lettern darüber nicht zu entziffern, ein leichtgewebter Spruch wohl, bestehend aus Zukunft, Familie und Glück, ein bodenloses Fass an Tagträumereien. Während der Bus sich immer weiter von uns entfernt, spiele ich Roulette mit den Reklame-Gesichtern. Ich stelle mir vor, dass die lächelnde Frau Yolanda ist, und das Mädchen mit den Flatterzöpfen ist Malena. Die Figuren sind austauschbar, aber ihre Losung ist für die Ewigkeit gemacht und entzieht sich meinem Blick. Nikolai seufzt andauernd und trommelt mit seinen dünnen Fingern aufs Armaturenbrett, er ist nervös, denke ich, freudig und rastlos wie ich. Seine schweren Lider zittern hinter den dicken Brillengläsern, bläuliche Schlangen kriechen seinen sehnigen Unterarm empor. Wenn er nicht seufzt, manchmal lautlos, pfeift er Hänschen klein. Ich frage mich, wer den jungen Mann vermisst, wer auf ihn wartet, so wie Yolanda auf mich wartet, am Telefonhörer, er muss frieren in seinem dünnen Pullover. Die alte Karosserie ächzt, als unser Gefährt ausschert, in einer Kurve über den Strassenrand rollt und mitten in einem der immergrünen Felder stehenbleibt, das jetzt ruhig und starr im Grau des Abend liegt, überzogen mit einer milchigen Raureif-Schicht, wie kranke Menschen, denke ich, fiebrig, der Junge zupft fahrig an seinen schwarzen Haarsträhnen und zündet sich eine Zigarette an. Als er mir die Schachtel hinhält, nehme ich dankend an. Der Rauch kitzelt in meinem Hals, ich huste, Nikolai lacht geräuschlos auf, ich betrachte ihn aus den Augenwinkeln, fühle mich in seiner Gegenwart unbehaglich schwerelos und jung. „Und wo willst du hin?“, fragt er, eine fremde Stimme, sein Blick hängt bewegungslos am langsam verschwindenden Horizont. Ich zucke mit den Schultern, aber er erzählt mir von der Freiheit, spricht über grosse Städte, grosse Dichter und über seinen Lebensverdruss, ich höre ihm nicht mehr zu, das Rauchen hat mich müde gemacht, ich schliesse die Augen, schwindlig, und bitte ihn weiterzufahren. Die Scheinwerfer schneiden durch die Dunkelheit, die Heizung surrt wie ein Schwarm aus tausend Mücken, Nikolai spricht von unserer Fahrt als Flucht, nach vorne, aus sich selbst. Das Wort behagt mir nicht, Flucht kann sich nicht in die Zukunft richten, nur in die Vergangenheit, denke ich, aber wir müssen in Bewegung bleiben, andauernd, nicht heimisch werden, die Stimme des Jungen tönt hohl in der Leere der Nacht, ich folge seinen Sätzen nicht mehr, Nikolai sagt irgendwann: „Wir kennen niemals die Menschen, nur ihre Geschichten.“ In seiner Reisetasche liegt ein abgewetztes Notizbuch gefüllt mit solchen Geschichten, er ist stolz auf dieses Sammelsurium, er hält viel auf seine Erzählerstimme und liest die Geschichten oft, hüllt sich in sie ein, fühlt sich in ihnen heimisch, betrachtet sein selbsternanntes Panoptikum des Lebens wie ein liebgewonnenes Familienporträt. Wenn er seine eigene Geschichte aufschreibt, findet er kein Ende, dann schreibt er vom Mangel und vom Verlust. Er wünscht sich, dass ich von mir erzähle, will durch meine Worte wandern, durch meine Augen sehen, doch das sagt er nicht. Ich sage, ein ander’ Mal, ich sage, fahren wir, und als das Auto anrollt, schlage ich meinenm Kragen bis zum Kinn hoch und fange meinen eigenen Atem ein. Die hereinbrechende Nacht raubt uns alle Konturen, und ich erzähle Nikolai von zuhause. Er schweigt und ich will ihm dafür danken. Was ist zuhause.

Yolanda ruft an, ständig, manchmal auch Frank. Ich habe den surrenden Ton ausgeschaltet als wäre es mein Gewissen, und doch untersuche ich mein Telefon ständig auf neue Anrufe, während ich mich von den beiden fort bewege, höre manchmal den Anrufbeantworter ab, höre, dass Yolanda da ist, und dass sie wartet. Yolanda wird sich Sorgen um mich machen, ich komme selten zu spät, sie wird Frank angerufen haben und er mich, in der Hoffnung, mehr Glück zu haben als meine Schwester. Ich stelle mir vor, wie Frank das Treppenhaus unseres tristen Hauses durchquert, er macht dabei selten Licht, wie er klopft und eintritt ohne abzuwarten, er klingelt nie, ich hoffe, dass er Yolanda trösten kann. Frank muss nicht warten, Yolanda liebt Frank und Frank liebt Yolanda, und manchmal denkt sie, sie bleibt bei ihm und wartet, manchmal denkt sie es reicht, ihre Liebe, und vielleicht werden sie sich eines Tages die Wohnung im Osten teilen, ihre Wohnung, unsere Wohnung, die vergnügte Familie, Yolanda, Frank und Malena, und wenn Frank Besuch von einem seiner Künstlerfreunde erhält, spätabends, wird Yolanda wegsehen und warten, darauf warten, dass er ihre Hand hält während sie einschläft, ihr Geschichten erzählt, seine Geschichten, und dass das genügen muss, dass ihre Liebe genügt und das Wissen, dass Frank sie liebt wie eine Schwester. Frank legt auf, wenn der Anrufbeantworter sich einschaltet, denkt, später vielleicht, aber Yolanda bleibt am Hörer hängen, wartet auf den kurzen Piepston, atmet in den Hörer, lauscht dem Knistern des Apparats, schweigt und wartet, und legt erst auf, wenn sie vor Verzweiflung keine Melodien mehr hört.

Im Traum wandere ich durch eine Stadt mit engen Strassen und hohen Häusern. Ich dränge mich zwischen fremden Leibern durch, es riecht nach Mensch, und nach Kloake, der Himmel ist staubig, ich muss den Atem anhalten, wie vorhin im Fahrtwind, ich kriege keine Luft. Eine unbekannte Hand drückt mich vorwärts, ich taumle zwischen alten Frauen mit kugelrunden Bäuchen voran. Mit meinen Füssen zertrample ich das Gras, auf dem ich gehe, blinkende Lichter zeichnen bunte Flecken in den düsteren Himmel über meiner zerfallenden Stadt. Meine Augen fallen wieder und wieder zu, ich weiss, das ist Schlaf, und wanke vorwärts in einem summenden Menschenmeer. Yolanda und Malena blicken mich an, ich stehe auf einem leeren Platz, ein dunkles Grollen zieht von weit her durch meinen Kopf, Mückenschwärme, Yolanda und Malena lächeln, neben ihnen steht ein strahlender Mann, er trägt Franks Anzug und sein Gesicht, wir sind jetzt eine Familie, flüstert er, eine flache Reklame, sie verhöhnen mich, und über der Dreiergruppe hängt der flackernde Schriftzug schief, Malenas Augen stehen vertikal im Raum und verschwinden, ich liege im Gras und halte Franks Hand, das ist Schlaf, denke ich, schlage die Augen auf und neben mir liegt die Schwester, atmet in mein Ohr, Yolanda nickt und lässt meine Hand los. Im Traum liege ich in einer Glocke, die alle Geräusche und alles Leben verschluckt.

Als ich aufwache, hat der Sicherheitsgurt eine dicke rote Kerbe in meinem Hals hinterlassen, wie eine Narbe. Ich schnalle mich ab und setzte mich auf. Die Uhr am Armaturenbrett zeigt 05:00 Uhr an. Nikolai lächelt und sieht im fahlen Licht des Morgens gealtert aus, steinern, verblasst wie eine alte Fotografie. Mein Begleiter zeigt fast übermütig auf die fremdländischen Ortschilder, auf die flacher werdende Kulisse, die kargen Wiesen, die merkwürdigen Hütten am Strassenrand, auf bezopfte Mädchen in dünnen Strümpfen, auf Schäfchenwolken, auf die geschlungene Strasse, beisst sich auf die dünne Unterlippe, zum ersten Mal spüre ich so etwas wie eine Verbundenheit mit dem ausbrechenden Buben, seine Fingern tänzeln durch die neue Welt und ich stelle mit Erleichterung fest, dass die Orte, durch die wir jetzt fahren, sich nicht mehr auf einer der Karten in meinem Kopf orten lassen. Ich nehme die Welt zum ersten Mal nicht aus der Erinnerung wahr. Muss das Freiheit sein.

Ich denke an Malena, wie sie jetzt aufsteht, sich mürrisch die Zähne putzt, ihre Schale Cornflakes isst, in einer Stunde wird Yolanda sie in die Schule fahren, sie wird ihr nichts von mir sagen, ihrem Warten, und das Kind wird noch keine Veränderung bemerken. Sie wird in der Schule etwas über Hühnervögel lernen, oder Krähen, und in der grossen Pause ihr Maisbrötchen essen, vielleicht wird sie mit Maja Seilspringen oder Marko einen Kuss aufdrücken, sie wird am Ende des Tages müde nach Hause kommen und Yolanda wird ihr Bratkartoffeln und Blumenkohl zubereiten. Vielleicht kommt Frank früh aus dem Atelier zurück und dann spielen sie Karten, wie immer, nur ohne mich. Die Weingläser werden weiterhin Ringe hinterlassen auf dem schiefen Holztisch, es wird weitergehen, alles, das Leben um den fleckigen Tisch wird weitergehen. Malena wird sich daran gewöhnen, dass Yolanda wartet, und Yolanda wird währenddessen endlich ihr eigenes Kind grossziehen können, sich endlich Frau fühlen, sie wird Mutter sein und das Kind wird sich daran gewöhnen, bestimmt, Kinder gewöhnen sich an alles, Kinder sind weich und verzeihen, und wenn sie mir eines Tages böse sein wird, dann nur weil ich ihr nichts erzählen konnte, von meiner Sehnsucht, meiner Rastlosigkeit, sie wird sich daran gewöhnen und ihre neue Mutter wird endlich auch frei sein, bestimmt. Solange Luft zum Atmen bleibt, sind die Figuren austauschbar.

Kurz nach der Grenze, einer Grenze, hält Nikolai an. Wir steigen aus und wanken durch den dichten Nebel, meine Augen finden keine Anhaltspunkte, um sich auszuruhen. Nikolai klopft mir kurz auf die Schultern, wie ein Freund, dann verschwindet er im Dunst. Ich betrete einen kleinen Laden, der schmierige Verkäufer begrüsst mich mit einem Knurren. Die Vielfalt der Produkte, ich schlendere durch die Regale und betrachte sie, kaufe Wasser, Brot und Kekse für die Reise. Ich lege ein Glückslos und einen Schokoriegel dazu, es sind Malenas liebste, und nehme noch einen zweiten für Nikolai. Zurück an der frischen Luft packt mich zum ersten Mal das Heimweh. Im Auto setzte ich mich auf den Fahrersitz, ich drehe den Zündschlüssel und stelle die Heizung auf die höchste Stufe.

Das Glückslos ist eine Niete. Vor mir rollt der zahnpastaweisse Reisecar über den Parkplatz, wie ein behäbiges Ungetüm, und ich erkenne klar den Schriftzug, We Are, wir sind Family, der Car dreht auf dem Vorhof des Raststätten-Restaurant seine Runde, hält an, Menschen strömen nach draussen, ihr Lachen wird vom Nebel verschluckt, sie freuen sich wie Kinder. Der Busfahrer lässt den Motor laufen, während sie alle bereits im Bauch des Restaurants verschwunden sind. Der flackernde Schriftzug über der Fahrerkabine zeigt mir eine bekannte Destination an. Ich krame in meiner Handtasche und zähle meine Habseligkeiten, Kaugummi, Kamm, Telefon, Bleistift, austauschbare Leben, darunter das zerknüllte Glückslos, das lächerliche Fotoalbum, Reisepass, ein paar Geldscheine, genug um mir ein Busticket zu kaufen nach Deutschland, und von dort den Zug zu nehmen, genug für den Rückweg, wohin soll es bei dir gehen, ich denke an Malena und Yolanda, bin ich nicht jetzt schon auf dem Rückweg, denke vor allem an meine Tochter. Yolanda würde mir wortlos einen Teller hinstellen, sie ist selbst abgehauen, verflucht, vor Jahren, Frank würde erstaunt lachen wenn er mich sähe, er wäre erleichtert und nachsichtig wie immer, die Motormücken surren leise und beständig, würde ich klingeln wenn ich nach Hause käme oder einfach eintreten.

In einiger Distanz sehe ich den hageren jungen Mann am Strassenrand stehen. Er steht unruhig an der Fahrbahn und wartet auf eine Lücke im immer fortrollenden Verkehr. Nikolai sieht mich nicht an, er wird bald frei sein, denkt er, nach der nächsten Grenze vielleicht, wenn der Nebel sich verzogen hat, er legt im Kopf meine Geschichte aus und wartet. Ich fixiere den Bus an und dann ihn, meinen Begleiter auf Zeit, ich möchte ihn gerne fragen, ob er mich für einen schlechten Menschen hält. Aus dem Rückspiegel betrachte ich mich selbst, Motorgeräusche, ich denke ich kann in alle Richtungen, nach vorne, und ich kann zurück. Ein Mal in meinem Leben kann ich die Zeit zurückdrehen. Meine Finger trommeln auf dem Lenkrad, schneller, schneller, Nikolai überquert rennend die Strasse, seine Locken fallen ihm ins Gesicht, ich denke er ist blind, fiebrig, ich denke er rennt durch meine Seele, ich atme ein und fahre gedankenverloren dem Türknauf entlang. Dann schliesse ich die Augen und lasse los.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7