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Unbekannte Bekannte von Peter Gschwend

Text des Monats Juli 2016 (Thema: Musikstück)

Autor/in:

Das Musikstück: Astor Piazzolla, «Invierno Porteño» (Winter in Buenos Aires), geschrieben 1970. Hier geht es zu einer Live-Interpretation des Komponisten selber. (Im Juli hatte keiner der eingesandten Texte die Jury gänzlich zu überzeugen vermocht, sie entschied sich deshalb, keinen Text zu prämieren. Da im August aber gleich zwei hervorragende Texte zu den gleichen musikalischen Vorgaben eintrafen, entschied sich die Jury, einen dieser Texte rückwirkend als Juli-Text auszuzeichnen.)

 

Unbekannte Bekannte

Das Hotel, in dem ich als Nachtportier diente, lag in einer Nebenstrasse. Das war ein Vorteil. Wer sich in dieses Hotel eincheckte, musste heruntergekommen sein, arm oder depressiv. Wen es hierher verschlagen hatte, der sparte, denn das Hotel war für Buenos Aires’ Verhältnisse günstig, oder er hatte eben eine Bank ausgeraubt und das Fluchtauto war nicht angesprungen, flieht in die Calle Primero de Mayo, tritt durch die Türe, streicht sich das Haar nach hinten, schaut sich um und bittet um ein Zimmer.

Die meisten, die hier ankamen, waren etwas ausser Atem, und müde, kamen mehr zur Tür herein gestolpert, als dass sie eintraten. Ihr Gepäck, egal ob klein oder gross, konnten sie kaum herein schleppen, die Türe war so angeschlagen, dass sie automatisch, noch eh die Gäste hindurch gegangen waren, schloss. Nicht ganz, sie klemmte, denn für die letzte Handbreit fehlte ihr der Schwung. So blieb sie immer etwas offen, Strassenstaub und Lärm wehten herein, blies der Wind vom Fluss her, schlug sie an. Kamen Gäste ins Hotel, nutzte ich die Gelegenheit, beobachtete, wie sie mit der Türe zurecht kamen und schloss daraus auf ihren Charakter. Schon wie sie sich mit der Türe schlugen, sagte etwas darüber aus, ob sie nach einem Zimmer fragten oder eines verlangten. Bankräuber waren eher nervös als ausser Atem. Sie schauten mich nie direkt an, hatten ausnahmslos Taschen bei sich, keine Rucksäcke, und diese Taschen, manchmal auch Tüten, behielten sie im Auge.

 

Es kam auch vor, dass ein Paar vorbeikam und ein Zimmer suchte, manchmal für ein paar Stunden, manchmal für eine Nacht, manche wollten nur duschen. Ausgesprochen zuvorkommend hielten die Männer den Frauen die Türe auf und sie, wenn es eine Frau war, manchmal war es ein Mann, ging elegant an ihm vorbei, aber nicht weit. Auf halbem Weg stoppten sie und überliessen den Männern die Buchung des Zimmers. So hatte ich Gelegenheit, die Frauen im Stehen und Gehen zu beobachten. Obschon es mittlerweile nichts Aussergewöhnliches mehr ist, mit einem Mann auf ein Zimmer zu gehen, so war es doch auffällig, wie schamvoll die Frauen auftraten, und ebenso eindrücklich, wie arrogant es die Männer taten. Selten kamen Señores mit jungen Frauen, sehr jungen Frauen. Die duckten sich unter die Obhut ihrer Begleiter und hatten etwas Scheues und zugleich Verwegenes in ihren Gesichtern. Ich hielt beides fest. Wie sie dann wieder vom Zimmer herunterkamen, roch es nach Seife. Manchmal ergab sich ein Blickkontakt, Ungelebtes flackerte auf. Ich hielt mich zurück, wie mir empfohlen worden war, aber liess dennoch keinen Zweifel zu, dass ich es bemerkte. Ihre Blicke verrieten, sie fühlten sich von mir beschützt.

 

In der engen Strasse lag im Sommer wie im Winter eine miefige Feuchte, auch nach mehrwöchiger Trockenheit. Die Randsteine waren an ihren Kanten glattgeschliffen, eine speckige Schicht lag auf dem schmalen Gehweg, der von den Gittern der Kellerfenster rhythmisch eingeengt wurde. Was immer in dieser Gasse zu hören war, das Abladen von Kisten, das Zuschlagen einer Autotüre, oder das Aufschlagen eines Rollkoffers an den Rillen und Versetzungen im Asphalt, jedes Geräusch also, selbst das, das entsteht, wenn einer eine Zigarette mit dem Schuh ausdrückt, man hörte es in der Gasse. Blieben die Fenster in den Sommernächten offen, hörte man die Fernseher, das Geschirr, man hörte, was die Menschen einander zu sagen haben, oder was sie verschweigen, und man hörte, was sie über Andere sagen, die sich nicht wehren können. Manchmal hörte man auch andere Geräusche wie das Hacken von Zwiebeln oder ein Stöhnen, von dem man nicht weiss, was davon zu halten ist. Ging ich die Strasse hinunter, oder hinauf, schaute ich immer zu den Fenstern hoch, denn was auf der Strasse lag, kam auch oft von oben.

 

In dieser Gasse öffneten sich die Türen direkt auf den Gehsteig. Die Türe zum Hotel hatte weder Absatz noch Rahmen. Im Türbogen zu stehen war unmöglich, es gab nur drinnen oder draussen, nichts dazwischen. Und stand man draussen, rauchte oder sprach mit jemandem, so mussten die Passanten ausweichen, die Frauen gingen ohnehin schon in der Mitte der Gasse.

 

Die Häuser waren schmal. Ladenlokale und Werkstätten, oder eine Wohnung, die einmal Tabakladen oder Wäscherei gewesen war, waren nicht nur klein, auch sie standen fast auf der Strasse.

 

In diesem Hotel arbeitete ich als Nachtportier. Ich hatte die Stelle angenommen, so wie man sein Schicksal annimmt. Es war nicht Krieg, aber ich dachte oder vielleicht handelte ich, als wäre Krieg, die Gäste Flüchtige, irgendwie.

 

Der Eingang zum Hotel bestand aus einem schmalen Gang, der die halbe Gebäudetiefe geradeaus lief und dann einen kleinen Absatz hatte, und da stand mein Empfangsdesk, das ich nur mein nennen konnte, weil ich manchmal darauf schlief. Es war so hoch, dass ich, wenn ich mich auf dem Stuhl aufrichtete und streckte, gerade noch über die Tischfläche sehen konnte, genauer, zwischen den Prospekten hindurch, die beidseitig in Plastikhaltern standen. Ich sass hinter dieser Empfangsbar, füllte Lottozettel aus, machte Kreuzworträtsel oder schlief, meine Arme in einen Pullover eingewickelt, über den Tisch gelehnt. Ich hatte kein schlechtes Gewissen.

 

Beim Öffnen der Türe versetzten die Scharniere diese in Schwingung, und das Glas im Rahmen, zwischen vergilbtem, ausgetrocknetem Kitt, schepperte. Auch die Zimmertüren waren in erbärmlichem Zustand, mehrfach im jeweiligen Zeitgeist gestrichen und an den Kanten die Farbe abgeplatzt und unerklärlich, die Unterkanten abgestossen, genauso wie die Scheuerleisten, die, wie ein Band um alte Briefe, den Wänden entlang führten. Diese Türen waren so leicht, dass sie durch den Luftzug, der das Treppenhaus hinauf stieg, zuschlugen. Der rote Teppich, mit dem die Stufen und Einfassungen beklebt waren, dämpfte die Schritte, aber da die Stufen ungewohnt hoch waren, konnte man sie trotzdem hören, zumindest, wenn jemand herunter kam. Ich hatte darum genügend Zeit, den Pullover zur Seite zu legen. Es kam vor, dass jemand, bewusst leise, das Zimmer verliess und die Treppe herunter geschlichen kam, etwas verlegen lächelnd an mir vorbei ging, es waren ausnahmslos Frauen.

 

Meine Einstellung war eine kurze Geschichte. Den Eigentümer, ein zugewanderter Marokkaner, hatte es vor 30 Jahren hierher verschlagen. Er fragte, welche Sprachen ich spreche und ich sagte: “Sanskrit.” Weiter kam ich nicht, denn er meinte, das sei prima und ich könne am Abend schon mit der Arbeit anfangen. Ich hätte nie gedacht, dass man wegen Sanskritkenntnissen eine Stelle in einem Hotel bekommt, aber so war es.

 

Señor Akuma gab mir den Schlüssel zum Schlüsselkasten, einen neuen Stift sowie das Gästebuch. Er wies mich an, die Ausweise der Gäste jeweils zu kopieren. Dann legte er einen weiteren Schlüssel auf den Tisch, es war der Schlüssel für die Schublade, in der die Kasse lag. Akuma sagte noch, ich solle den Frauen die oberen Zimmer geben, wenn sie frei sind, und alles schön eintragen.

 

Niemals kam jemand, mit dem ich hätte Sanskrit sprechen können, so kam auch nie ans Licht, dass ich es nicht konnte, obschon Señor Akuma ein Schild anbrachte: hier wird Spanisch, Englisch, Italienisch, Deutsch und auch Sanskrit gesprochen. Neben dem Lösen von Kreuzworträtseln und dem Lesen der Tageszeitungen lernte ich Sanskrit. Ich war mir sicher, dass ich es nicht weit bringen würde. Vielleicht 300 Wörter, aber wenigstens das wollte ich und damit ein paar hundert Kombinationen und meine eigene Welt. Ohnehin, dachte ich, war die Welt damals, als noch Sanskrit gesprochen wurde, eine einfache Welt, ich meine eine, die mit wenigen Worten zu beschreiben war. Damals, so dachte ich, waren die Gefühle noch nah bei den Worten und man musste sie nicht zusammen suchen aus Tausenden, Zehntausenden, wie Teile eines Puzzles.

 

Ich weiss nicht mehr, wie lange ich da arbeitete, Monate oder Jahre. Jedenfalls drangen die Feuchte und der Mief in mich und ich moderte vor mich hin, bis eines Abends eine Frau in meinem Alter kam und nach einem Zimmer fragte. Ich kannte sie, und sie kannte mich. Vor Jahren war sie mir begegnet, damals noch jünger.

 

“Da bist Du also gelandet!”, bemerkte sie.

“Und Du bist immer noch unterwegs!”, entgegnete ich.

 

Noch an diesem Abend rief ich Akuma an und sagte: “Ich gehe.”

 

Señor Akuma war ein kleiner Mann, der mit seiner Brille und dem gekrausten Haar den Eindruck erweckte, er sei ein Intellektueller. Dies mag stimmen oder nicht. Ich hatte nie ein persönliches Gespräch mit ihm geführt. Er kam nur jeden Morgen, schaute sich die Fotos der Frauen auf den Ausweiskopien an, wählte eine, die hier genächtigt hatte und abgereist war. Er nahm ihren Zimmerschlüssel vom Haken, und legte sich für eine Stunde in ihr Bett, dann verliess er das Hotel wieder.

 

Manchmal telefonierte er noch, sprach in einem verwaschenen Arabisch, es klang sanft. Liebevoll fast.