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Was vorkommt von Susanne Hartmann

Text des Monats September 2014

Autor/in:

Septemberwörter: Orthonormal – bedeutend – zurückbleiben – erspähen – aussichtslos

Was vorkommt

Hätte der Mann sie nicht geschubst, wäre Lena nicht im Gang des Zuges gestolpert. Dabei knickte sie um und fiel der Länge nach in das Abteil. Leere Abteile mochte sie eigentlich nicht. Sie fühlte sich wohl unter Reisebekanntschaften. Aber ihr Fuss tat weh und sie beschloss, einfach da zu bleiben. Schliesslich wollte sie heil bei ihrem Kongress in Littbalden ankommen. Chaostheoretiker, Stochastiker und Philosophen wie sie gaben sich ein Stelldichein, um sich fünf Tage über das Zufallsprinzip auszutauschen. Hatte sie erst ihren Vortrag gehalten, konnte sie ein Forschungsstipendium beantragen. Zu einer Fragestellung, die sie schon lange umtrieb: Existiert ein algorithmisches Spannungsfeld von Ursache und Wirkung?

Sie schob das Fenster auf. Draussen stand der Mann, der sie umgeschubst hatte. Ein anderer hielt ihn davon ab, wieder in den Zug zu steigen. Lauthals schrien sie einander an.

Lena war froh, als der Zug losfuhr und sie Ruhe hatte zum Nachdenken. War alles Zufall im Leben? Vom Eisprung, über die Verschmelzung von DNA-Strängen bis zur Bildung eines Zellkerns. Die Art, wie sich ein Mensch auswuchs. Welchen Personen er begegnete. Bestimmten Algorithmen, was auf dieser Welt geschah? Unterlag alles kosmischen Energieströmen? Falls ja, dann waren sie unberechenbar.

Plötzlich beschleunigte der Zug sein Tempo und ruckelte. So heftig, dass sie fast vornüber kippte. Lena spürte, wie etwas gegen ihre Ferse schlug. Was war das nur?

Sie griff unter ihren Sitz und zog eine gelbliche Reisetasche hervor. Schirme, Halstücher oder Jacken hatte sie auch schon vergessen, aber eine Tasche von dieser Grösse? Vielleicht lieferte der Inhalt Informationen über ihren Besitzer. Leise ratschte der Reisverschluss und sie legte die Klappe zurück. Überrascht sog sie die Luft durch den Mund ein. Fein säuberlich waren Scheine in Bündeln darin gestapelt. Lena nahm ein paar in die Hand, betrachtete sie eingehend und schaute noch einmal vorsichtig in die Tasche. Es mussten Hunderttausende an Dollars, Euros und Franken sein! Wer konnte so etwas im Zug zurücklassen? Und warum? Sie gehörten sicherlich dem Mann, der aus dem Zug gerannt war und jetzt von dem anderen festgehalten wurde. Lena legte die Bündel sorgfältig an ihren Platz zurück. Was wohl dahinter steckte? Ein Bankraub kam dafür in Frage. Womöglich verfolgten Mafiosi einen Geldwäscher. Oder Polizisten jagten ihn. Es konnten auch Agenten sein. Ein Schauer jagte Lena den Rücken entlang. Dann würden sie bald ihr nachsetzen. Aber das klang wie ein Krimi. Wahrscheinlich liess sich alles ganz harmlos erklären. Aus momentan unersichtlichen Gründen hatte jemand sein Vermögen abgehoben. Etwas Unvorhergesehenes brachte ihn dazu, sein Geld im Stich zu lassen. Dann würde er seine Tasche bald als vermisst melden. Wie auch immer, jedenfalls war es sicherer, die Scheine in professionelle Hände zu geben. In Littbalden machte Lena das Fundbüro ausfindig. Beim Anblick des vielen Geldes erschrak der Beamte nur: „Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Dafür ist die Polizei zuständig. Wer weiss, woher das stammt. Aus einem Überfall vielleicht? Oder aus einer Erpressung.“ In der kleinen Polizeistation von Littbalden machte man sie darauf aufmerksam, dass dies keinesfalls Sache der Polizei sein konnte. Schliesslich handelte es sich um eine Fundsache und nicht um einen Gegenstand, den man mit einer kriminellen Tat in Zusammenhang bringen konnte. Eine solche wäre bei ihnen nicht gemeldet. Etwas liegen zu lassen, wäre schliesslich kein Verbrechen.

Lena fing an zu schwitzen. Bis zur Eröffnung der Tagung blieb nur noch eine Viertelstunde. Wenn sie das Geld im Hotel deponierte, konnte sie es nicht im Auge behalten. Ihr Herz pochte so stark, dass das Blut in ihren Ohren rauschte. Bei ihren Kollegen mit den Scheinen aufzukreuzen, erschien ihr abwegig, ja unheimlich. Überall lauerte die Gefahr, dass dubiose Gestalten hinter ihr her waren, oder besser gesagt hinter den Moneten. Sie musste sie loswerden. Wohin damit?

Da kam ihr die Idee. Sie hetzte zurück zum Bahnhof. Die Schliessfächer standen alle leer, bis auf zwei. Allerdings waren sie so klein, dass sie arg drücken musste, um die Tasche in eines davon rein zu stopfen. Zufrieden stellte sie fest, dass die Schliessfächer vor Ablauf von 24 Stunden zu leeren waren. Sonst würde ihr Inhalt von der Bahnhofsverwaltung beschlagnahmt. Lena schmunzelte. Fünf Tage dauerte ihr Kongress, also genug Zeit für das, was geschehen sollte.

Als Lena nach der Tagung am Bahnhof ankam, blieben noch einige Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Sie setzte sich auf eine Bank und wartete. Zwei Bahnangestellte traten zu ihr. Der eine hielt eine gelbliche Tasche in der Hand. Der andere zeigte mit dem Finger auf sie.

„Ich habe genau gesehen, wie sie die Tasche rein gestellt hat.“

Lena protestierte: „Das ist nicht meine Tasche.“

„Sie wollen doch bloss die achtzig Euro nicht bezahlen“, knurrte der eine.

„Ich kann mich gut an Sie erinnern. Sie haben diese Tasche in Nummer sieben eingeschlossen“, versicherte der andere. „Wir kennen unsere Schliessfächer ganz genau“, setzte er stolz hinzu.

„Haben Sie hinein geschaut?“, fragte Lena.

„Na hören Sie mal!“, sagte der eine empört.

„Wie gesagt, mir gehört sie nicht.“

„Ich fürchte, dann müssen wir die Polizei holen“, meinte der andere.

Lena stöhnte, bezahlte und nahm die Tasche mit in den Zug. Im Abteil schaute sie zum Fenster hinaus. Da stand der Bahnbeamte, der sie vor Tagen am Schliessfach beobachtet hatte.

„Sie dachten wohl, wir würden sie nicht erspähen“, sagte er mit Genugtuung.

Der Schaffner rief: „Zurücktreten, bitte!“

Lena zog ihren Kopf zurück und schlussfolgerte: Keinesfalls konnte man die Begebenheit mit der Geldtasche als orthonormal bezeichnen. Sie könnte sich vielleicht für ihre wissenschaftliche Zukunft als bedeutend herausstellen. Aber das Ding loszuwerden, erwies sich als völlig aussichtlos.