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When I‘m 62 von David Koch

Text des Monats März 2010 (Thema: Im Jahr 2050)

Autor/in:

When I‘m 62


Im Jahr 2050 ficke ich ihn. Und dann fickt er mich. Und dann blase ich ihn, bis er in meinem Mund abspritzt. Oder umgekehrt. Weil, vielleicht ist bis dann der HI-Virus besiegt. Vielleicht aber auch nicht. Möglich auch, dass ich an einer Strassenecke stehe, weil ich das Licht gesehen habe und Flugblätter verteile und laut schreie: «Jesus liebt dich, auch wenn du ein Arschloch bist.» Vielleicht ist Gott bis dahin aber wirklich tot und ich schreie gar nichts, oder ich schreie für den Kapitalismus oder den Kommunismus oder für etwas ganz Neues und Aufregendes. Vielleicht lebe ich dann auch im real existierenden Paradies und muss mir keine Gedanken mehr um gar nichts machen, weil im Jahr 2050 alles besser geworden ist. Vielleicht ist aber auch alles schlimmer geworden oder alles gleich geblieben. Um ehrlich zu sein, ist mir das scheissegal.


Möglicherweise liege ich tot irgendwo unter der Erde oder meine Asche ist im Weltraum, denn: zuviel rauche ich ja jetzt schon, aber natürlich habe ich im Jahr 2050 mit dem Saufen und Rauchen aufgehört, treibe jeden Tag Yoga auf einer dieser schrecklichen Yogamatten und freue mich über meinen gesunden Lebenswandel, obwohl ich dann schon alt und schrumpelig bin und keine Haare mehr habe oder nur da Haare, wo ich eigentlich keine möchte und im Gegensatz zu heute denke ich darüber gar nicht nach. Weil mit 62, stell ich mir vor, ist das alles nicht mehr wichtig. Dann stehe ich auch nicht mehr jeden Morgen auf und hasse mein Gesicht im Spiegel, sondern mag mich dann ganz gut und auch meinen Körper, der dann zwar viel schlimmer aussieht als heute, aber eben, mein Körper ist und ich spüre mich viel besser in mir und gehe gerne barfuss, weil mich das noch näher zu meinem wahren Ich bringt. Aber in einem anderen 2050 saufe ich aus Protest einfach noch mehr Wein und Wodka, weil alle andern nur noch Slow Food essen und wenig trinken und rauchen, weil sie nicht impotent werden möchten oder einfach sonst schön sein wollen und ein gefährlicher Lebensstil nicht mehr cool ist oder was weiss ich. Aber das ist mir auch scheissegal.

Es gibt dann fliegende Autos oder gar keine Autos mehr, die Welt wird nur noch von Idioten regiert, obwohl das heute ja auch schon so ist oder es sind dann alle blitzgescheit und die Menschen leben in Frieden nebeneinander, egal ob Djihadkämpfer oder Jüdin mit Perücke und dicken Strümpfen oder gelangweilter Atheist, der am liebsten aus dem Fenster springen würde, weil er all den Frieden nicht mehr aushält im Kopf. Ich bin dann Regisseur und berühmt und die Leute zitieren die Scheisse, die ich in Interviews von mir gebe und haben das Gefühl, sie wären etwas Besseres, weil sie wissen, was ich gesagt habe und mein Theater die Bühnenkunst revolutioniert habe. Oder ich bin ganz und gar erfolglos und unterrichte frustriert an irgendeiner Schule Deutsch oder Philosophie, hasse meine Schüler und bin froh, wenn endlich das viel höhere Pensionsalter eintrifft und ich mich in Ruhe irgendwo in meiner Wohnung hinsetzen kann und mich nicht mehr mit irgendwelchen Volldeppen rumschlagen muss. Und auch das ist mir scheissegal.


Denn im Jahr 2050 ficke ich ihn. Und dann fickt er mich. Und dann blase ich ihn, bis er in meinem Mund abspritzt. Oder umgekehrt. Obwohl wir alt sind und schrumpelig. Im Jahr 2050.