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Zwanzigfünfzig von Peter Gschwend

Text des Monats November 2010 (Thema: Im Jahr 2050)

Autor/in:

Zwanzigfünfzig

Das Jahr hatte begonnen wie das vorherige. Jahrzahlen sind menschgemacht, wie Kreuze auf Friedhöfen gibt es sie erst, wenn sie jemand gemacht hat. Macht niemand die Jahrzahlen, kommt auch kein neues Jahr.

Sie wurden nicht vernichtet, sind nicht ausgestorben, sie sind auch nicht ausgewandert, als es dürr und heiss wurde, nein, sie sind in die Höhle geflohen, weil es draussen unbegreiflich geworden ist.

Sie kommen und gehen. Sie tun, was sie immer schon getan hatten, kommen und gehen. Sie liegen, sie stehen, sie kriechen und gehen in der wunden Erde, einer Kaverne aus Stein. Geröll liegt vor ihrer Höhle.

Das Licht draussen ist grell, die Luft heiss. Alles ist still. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Der Wind trägt Staub und Sand über Hügel und Berge, füllt die Niederungen und schichtet hinter Steinen sanfte Wölbungen, er kräuselt die Flächen zu Madenmustern.

Die Menschen schweigen. Sie schweigen in die Dunkelheit, schweigen in die Stille. Das schwache Licht, das zwischen den Felsen in ihre Höhle dringt, ist bedeutungslos geworden. Ein einzelner heller Fleck, ein winziger, ist vom Sehen noch geblieben.

Draussen bleichte das Licht die Steine, verbrannte alle Farben. Selbst das Schwarz ist zu Weiss geworden, es hatte alles versengt, das Grasland zuerst, dann die Wälder, dann hatte es allem die Farben genommen, selbst das Wasser hielt nicht lange. Blitz und Donner waren hereingebrochen, dann war es nur noch hell, alles schwand im Licht.

Nun tun sie, was sie immer schon getan hatten, sie schweigen. Den Krieg haben sie weggeschwiegen. Über die Erniedrigungen haben sie geschwiegen. Über das Ungeheuerliche, das sie einander antaten, haben sie geschwiegen. Schweigende Meinungshorden waren sie geworden, auch an Sonntagen. Und dann brach jener Donner herein, fegte über tausend Meilen, kam anderntags wieder, riss mit, was noch entgegengehalten hatte, dann breitete sich die grosse lange Stille aus.

Die Menschen haben geschwiegen, aber das haben sie schon immer gemacht, geschwiegen. Als der Donner kam, verstummten sie und nach diesem, zu Gigantischem anschwellenden Brüllen gab es ohnehin nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu verschweigen. Das namenlose Ereignis hob Steine in die Höhe und verschob die Berge.

 Was an Menschen übrig blieb, war taub und blind.

Die fröhlichen Geschichten von Fröschen und zirpenden Grillen, Jesus, der Wasser zu Wein verwandelte und das Paradies, alles wurde im letzten gezählten Jahr, im Jahr zwanzigfünfzig an Felswänden zerrieben, verschmolz im Stein zu ewiger Langsamkeit.

Als keiner mehr hören konnte, wurden auch keine Geschichten mehr erzählt. Geschichten, die ehemals Erinnerungen forttrugen, Vorstellungen und Sinn. Noch zuckten ihre Lippen, es hatte keine Bedeutung mehr. Es gab keine Zuhörer, keine Fragen und Antworten auch nicht.

Das Alltägliche, die erfundenen Geschichten, selbst die Märchen, die sich selbst erfanden, wurden weggeblasen. Handlungen und Vorstellungen verwaisten ohne ihre schützenden Worte, schöne Momente, die Spannung, die sich durch die Geschichten zog, Täter und auch ihre Opfer, Helden und Botschaften, auch frohe, stürzten in diese ergraute Stille und wurden eins. Worte und Sätze wurden spurlos, man weiss nicht, wohin sie gegangen sind.

Noch riecht der Stein.

Unerbittlich strahlt das Licht, füllt die Niederungen, in denen das Meer, nun als Salz, trocken liegt. Staubfahnen wellen über flache Orte. Manchmal fällt ein Stein von Flanken, schlägt auf, dann hallt es zwischen den Hügeln, aber keiner kann es hören.

Diesmal war es ernst. Ernster als es hätte sein sollen, dürfen. Es gab keine Kleinigkeiten mehr, über die man hätte reden können. Es gab nur noch ein Eines und dieses Eine war gross genug, alle, auch die letzten, Grenzen zu sprengen, die sich bis anhin hinter Vorstellungen versteckt gehalten hatten. «Früher» war nun eingegossen in einen Moment, in Lichtblitz und Donner.

Es war das Jahr, in dem alle Nebensächlichkeiten starben. Das Wichtige genauso wie das Belanglose, Bedeutungen und auch der Sinn. Es war das Jahr, in dem die Zeit sich in Schwangerschaften und Todesfälle verkroch.

Fragen: «Wie», «wozu», «warum»,«wohin», stellte, dachte, niemand mehr. Ohne sie wurde der Mensch halb Ding.

Sprachlos geworden, konnten die Überlebenden ihr Leiden nicht verstehen. Sie hatten keine Worte um zu klagen, keine um das Leiden zu vermehren, keine um es zu teilen. Ihnen fehlten die zarten Klänge, die es braucht, um Worte einzufangen.

Ihre Augen waren ausgeblitzt. Es blieb ein hilfloses Schwarz und ein eingebranntes Weiss.

Sie taten, was sie immer schon taten, liebten einander und machten Kinder, wiesen sie an, sich ordentlich zu benehmen, indem sie sie zerrten manchmal auch schlugen. Sie liebkosten sie und hielten sie in den Armen, verbunden in einer langen Langeweile. Aber Worte und Erinnerung hatten sie für diese Langeweile nicht.

Solange die Kinder warm waren, stillten die Frauen sie, wie sie schlaff und steif wurden, brachten sie sie nach draussen, trugen die Körper gegen die Hitze, die draussen gleisst und die nächtens jeweils von unten nach oben strahlte.

Sie tasteten im Dunkeln herum, kniffen und zwickten einander, strichen sich gegenseitig über den Körper, machten aneinander herum, verlangten nach mehr, eine weiche Unterlage zum Beispiel um zu schlafen, manchmal nicht einmal das. Stattdessen suchten sie etwas wie ein Gegenüber, ein Gegenüber im Nichts, eines, das Augenblicke trinkt.

Mit der Hand schoben sie einander zur Seite, wühlten sich durch die Menge, griffen nach einander, bissen und schlugen einander, Versöhnung baten sie mit ihren Händen, es waren die gleichen mit denen sie zuschlugen. Manche wussten sich durchzusetzen, andere weniger oder gar nicht, sie harrten an einem Ort. Versuchten tot zu sein.

So händelten sie sich durch eine verkrumte Zeit. Eine Zeit, die weder Tage noch Nächte hiess. Eine Zeit ohne ein Ticken, gefüllt mit Schlafen und Wachsein, geschmolzen in eine fleckenlose schwarze Decke.

Draussen war es brüllend heiss, manchmal wich die Hitze, wurde etwas weniger Hitze, aber sie kam wieder zurück und drückte unerbittlich in die Höhle. Für die Hitze hatten sie keine Worte, auch keine Schreie, aber jede Stufe hatte ihren Ort. Hitzeworte stempelten die Haut.

Keine Fragen, keine Antworten, keine Meinungen. Keine Verschiedenheiten mehr, keine Jahrzahlen, Geburtstage, Programme. Die Zeit, ein Punkt, ohne Gegenüber.

Manchmal fand sich eine Übereinkunft, etwas Einvernehmliches, wie den Kopf auf den weichen Bauch eines anderen zu legen. Will man einen Vergleich wagen , wäre es ein Sonntag.

Manchmal schlich sich eine Hand Konturen entlang um irgendwo zu enden. Es kam zu Schlägereien, Beissereien, es floss auch Blut, das sich klebrig anfühlte. Nur Schreie, Schreie gab es nicht, stattdessen das dumpfe Plumpsen eines Körpers oder das schärfere Aufschlagen eines Kopfes. Dann vibrierte der Boden und jeder wusste, was es war. Dann zuckten sie miteinander zusammen, sie hielten sich an das, was sie immer schon taten, ans Überleben.

Selbst für ihr Warten hatten sie keine Namen, keine Worte, keine Quellen.

Es war ein Warten wie tot sein.

Sie schliefen, wanderten herum, tasteten herum, suchten sich einen Platz in neuen Revieren. Es gab nicht viel Platz, es gab auch nicht viele Orte, jeder verteidigte, was er hatte, darin waren sie alle gleich. Wer einen bequemen Ort gefunden hatte, der sass oder lag, versuchte zu verteidigen, was er hatte. Manche flohen um einem Streit auszuweichen, stürzten in der Dunkelheit, manche konnten das nicht, sie unterlagen.

Es gab nichts, das sie glauben konnten, nichts war Gestalt genug ein Gegenüber zu sein. Auch keinen Gott, Gott lässt sich nicht ertasten.


Erdulden kann man ein solches Leben, ohne Ausblick, ohne Hören und Worte nicht.

Manchmal kam kühler Wind zu Besuch. Dann standen sie auf, hielten sich aneinander, oder am Fels, stellen sich dem Kühleren entgegen. Aus den Einzelnen wurde dann eine Gemeinschaft. Langsam begannen sie miteinander zu schwanken, allmählich fassten sie sich fester, wogten sanft hin und her. Könnte man sie sehen, sie würden lächeln.

Diese Wesen dachten und handelten mit dem, was sie hatten, die Hände, sie tasteten, hangelten sich von Eindruck zu Eindruck, sie suchten einander, fanden einander, reihten Berührungen wie Bänder aneinander. Das, was sie miteinander empfanden, trotzt jeglicher Beschreibung, etwas wie Hoffnung muss es gewesen sein.

Gerüchestränge sponnen durch die Dunkelheit. Bewegten die Menschen, weckten Begehren und Abscheu. Die Irrenden versammelten sich hin und wieder. Wie Trauben standen sie zusammen, während in ihren Köpfen zu Stummeln gewordene Eindrücke, Fetzen, taumelnde Zufälle einer Restwelt fackelten.

Wie eine Schlange, die sich selber beisst, den Schmerz spürt, den sie sich selber zufügt, erstarrte in jenem Augenblick Traum und Gegentraum.

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Es roch, nach Mensch. Draussen lag, petrifiziert, das Wachstum.


Später:


Räder pflügten durch den Sand, Elektromotoren summten, ab und zu wanderte ein Schatten am Gefährt hoch, blinkte eine Flanke des Gefährtes auf.

Der Roboter sucht seinen Meister.