"Wir sind in Lhasa!"

«Nun da ich in Lhasa war, erhob sich die Frage, wie ich am besten da bleiben konnte. Eigentlich hatte mich ja mehr eine Art Eigensinn hergetrieben als ein unbezwinglicher Wunsch, aber das Betreten der verbotenen Stadt war mit so viel Mühen und Gefahren verknüpft gewesen, dass ich den Aufenthalt nun auch nach Herzenslust geniessen wollte. […] Da ich nun mal die erste Frau war, der es gelungen, sich unbeschützt und allein den Weg zu alledem zu bahnen, was Lhasa an Schönheit und Eigenart aufzuweisen hat, war das auch nicht mehr als mein gerechter Lohn für alle die Strapazen der Reise.»

Am 28. September 1923 machte sich die 1868 geborene Französin Alexandra David-Néel von China her zu Fuss auf den Weg, um als vermutlich erste Europäerin die verbotene Stadt Lhasa zu betreten. Tibet hatte sich seit gerade erst 10 Jahren vom Einfluss Chinas befreit und verbot allen Ausländer*innen das Betreten des Landes. Nach einer viermonatigen, abenteuerlichen Himalaya-Überquerung erreichte David-Néel dennoch ihr Ziel, verkleidet als bettelnde Pilgerin in Begleitung ihres Adoptivsohnes, Lama Yongden. Auf Gepäck musste sie verzichten, war doch ein erster Versuch die Grenze nach Tibet zu überqueren, daran gescheitert, dass das mitgeführte Gepäck die Aufmerksamkeit der Grenzposten auf sich zog und sie als Ausländerin verriet.

Zwei Monate lang hielt sich David-Néel unentdeckt in Lhasa auf, in ständiger Angst vor Enttarnung. Geschickt gab sie sich als Frau aus Westtibet aus, dessen Dialekt sie beherrscht. Aber ihre schwarz gefärbten Haare waren längst aufgehellt und passten nicht mehr zu ihren Kunstzöpfen aus schwarzem Yak-Haar. Auch die Angewohnheit, sich täglich im Fluss zu waschen, machte sie verdächtig.

1925, nach einem weiteren Reisejahr in Indien, kehrte David-Néel nach Frankreich zurück, wo sie 1927 ihr erfolgreichstes Buch «Voyage d’une Parisienne à Lhassa», veröffentlichte. 1928 erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel: «Arjopa».

Unterwegs war Alexandra David-Néel, die in Paris vergleichende Religionswissenschaften, Sanskrit und Mandarin studiert hatte, aber fast ihr ganzes Leben lang. Bereits 1891 ermöglichte ihr eine kleine Erbschaft eine erste Asienreise durch Indien und Ceylon. Als nach knapp zwei Jahren die Mittel aufgebraucht waren, kehrte sie nach Europa zurück und schloss in Paris eine Gesangsausbildung ab. Als Opernsängerin schaffte sie in Indochina den Durchbruch. Eine Stimmerkrankung beendete allerdings diese Karriere. 1904 heiratete Alexandra David den französischen Ingenieur Philippe Néel. Die Ehe dauerte 37 Jahre bis zum Tod von Philippe Néel, wurde aber hauptsächlich aus der Distanz und auf dem Korrespondenzweg geführt.

Schon 1911 war Alexandra David-Néel nämlich zu ihrer zweiten Asienreise aufgebrochen, die 14 Jahre dauern und mit der Reise nach Lhasa gekrönt werden sollte. Dabei erforschte und praktizierte sie den Buddhismus, bereiste neben Tibet, Sikkim (wo sie 1912 als erste Europäerin den Dalai Lama traf), Nepal sowie China und Japan. Sie lebte eine Zeit lang als Eremitin in einer Höhle und einige Jahre in einem Kloster, wo sie hohe Anerkennung genoss und in den Rang eines Lamas erhoben wurde. Die lange vorbereitete und unter enormen Strapazen unternommene Reise über den Dokar-Pass in die verbotene Stadt Lhasa beschreibt David-Néel selbst als Höhepunkt ihrer Abenteuer.

Die letzte Reise bleibt es allerdings nicht. 1937, inzwischen 69 Jahre alt, macht sich David-Néel mit Lama Yongden erneut in Richtung Asien auf und ist weitere 9 Jahre unterwegs. Noch im stolzen Alter von 100 Jahren lässt sie ihren Reisepass verlängern, stirbt aber wenige Wochen später, 1969 in Frankreich.

David-Néel, Alexandra: Voyage d’une Parisienne à Lhassa, Paris, Plon 1927. Signatur F 8922.

David-Néel, Alexandra: Arjopa. Die erste Pilgerfahrt einer weissen Frau nach der verbotenen Stadt des Dalai Lama, Leipzig, Brockhaus 1928.
Signatur K 1617.

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Alexandra David-Néel