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Das Zeichen von Anke Laufer

Text des Monats Januar 2021 (Thema: Die Grossen Zwölf)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2021: «Die Grossen Zwölf», das Unterthema im Januar: Hoffnung.

 

 

Das Zeichen

 

Nach der Schule, auf dem Spielplatz unten am Fluss. Du sitzt auf der Schaukel und rauchst, aber du schaukelst nicht. Jemand könnte dich sehen, eine von Miras Freundinnen zum Beispiel. Es ist still, bloss ein paar Spatzen tschilpen und da ist der Schnee, überall. Eine Plastiktüte fliegt vorbei. Zwei Alte kommen hinter dem Lattenzaun den Weg entlang. Du kannst nur ihre Köpfe sehen. Beide starren sie in deine Richtung. Die Oma sagt was zu dem Opa. Die reden über dich.

Du wirfst die Kippe in den Schnee und ziehst deinen Vorhang aus schwarz gefärbten Haaren zur Seite und dabei verdrehst du die Augen, so dass man nur noch das Weisse sieht. Das hast du geübt. So siehst du aus wie ein Zombie. Dann schreist du rüber: Früher hat man die Köpfe seiner Feinde auf Pfähle gespiesst, aber Zaunlatten gehen auch.

Die beiden Köpfe gucken erschrocken und wandern schneller weiter bis ihnen am Ende des Zauns plötzlich Hälse, Bäuche und Beine wachsen. Die zwei beeilen sich über die Brücke zu kommen, der Opa zerrt den Dackel hinter sich her, der aber nicht nachkommt, also packt ihn der Opa und klemmt ihn sich unter dem Arm wie eine grosse, haarige Wurst.

Klar, dass du denen Angst machst. Lang und mager wie du bist, strähnige Haare und bei der Kälte im T-Shirt. Hinter dem Hügel mit der Kinderschaukel nichts zu sehen als verwaschener Winterhimmel. Die Leute denken alle, dass du spinnst. Das braucht dir niemand zu erklären.  

Gestern Abend hast du dir die Nägel schwarz lackiert. Sieht cool aus, hat Janis gesagt, es aber wahrscheinlich nicht gemeint. Der meint nie, was er sagt. Der sagt immer das, von dem er glaubt, dass es dir gefällt. Der ist kein richtiger Freund.

Du machst die Augen zu, presst die Lider aufeinander, fest. Fester. So wie früher, als du noch klein warst. Funken und Wellen aus Licht tauchen auf einer rot gefärbten Leinwand auf, wie im Kino, Batman und Robin, das waren richtige Freunde.

 

Beim Händewaschen. Der Spiegel direkt vor dir. Du brauchst einen Moment, bis dir klar wird, dass du das bist, unter dem Glas da drin und dass du dir selber ins Gesicht glotzt. Du gehst näher ran. Als du klein warst, da hast du deine Augenfarbe richtig cool gefunden. Aussen der rauchblaue Rand, fast lila. Dann, nach innen zu, so ein sattes Goldgrün, wie das Flusswasser im Sommer. Wenn man genau hinsieht kommt da noch ein graubrauner Ring, dann noch ein ganz dünner, der fast gelb aussieht, der liegt eng um die kleinen schwarzen Löcher, durch die alle Bilder in dein Hirn fliegen.

Aber später ist dir klar geworden, dass der ganze Mischmasch für die meisten Leute einfach bloss braun aussieht. Und dass nie einer nah genug an dich rankommt, um was anderes zu sehen. Nicht mal Mira.

Du siehst in den Spiegel und durch die beiden kleinen, schwarzen Löcher in dich rein, wo nichts ist, bloss schwarze Watte. Da drin findest du das Zeichen nicht, auf das du die ganze Zeit wartest, keine Chance.

 

Da musst du an den Hund denken, heute Morgen, vor dem Supermarkt. Wenigstens da sind noch Leute unterwegs und es ist nicht so ruhig wie sonst überall. Der Hund hat mit dem Schwanz gewedelt, als du nähergekommen bist.  Zumindest der findet dich also normal, hast du gedacht. Das hat dir irgendwie gefallen, also hast du dich kurz umgesehen, alles gecheckt, aber da war keiner von den Kumpels in der Nähe, keine Freundinnen von Mira, keine Mira.  

Da hast du zu dem Hund gesagt: „Na, du?“ und bist dir sofort total kindisch vorgekommen. Aber der Hund hat gejault und ist in deine Richtung gesprungen, obwohl er angebunden gewesen ist und die Leine ihn am Hals zurückgerissen hat, also hast du dich zu ihm runtergebeugt und ihn gestreichelt.

Plötzlich hat er ganz stillgehalten, bloss gehechelt und dich angesehen. Unter der Hand hat sich sein Kopf so komisch angefühlt, das Fell fest über die Schädeldecke gespannt, hart und warm. Und die Hundeaugen sind feucht und blank gewesen und ganz schwarz. Irgendwie traurig. So wie die Kinder aussehen auf den Plakaten von Brot für die Welt oder Caritas. So ein Hundeblick, der kommt gut an, wenn man bettelt, also werden die Fotografen wohl gezielt nach Kindern suchen, die das draufhaben.

Die Leute bleiben deswegen stehen, oder lassen vielleicht sogar gleich was springen.  Einen Wurstzipfel oder ein paar Euro. Oder sonstwas. Vielleicht sagen die Fotografen zu dem Kind: Guck jetzt mal wie der Hund da. Oder die bauen den Hundeblick direkt in das Kindergesicht ein, mit Photoshop oder so. Kriegt jeder hin, sogar mit einer alten Schrottkiste wie deiner, die ständig abstürzt.

Wie lange kann das Viruszeugs eigentlich in einem Hundefell überleben? Lebt das überhaupt?

Nee, der Hund war kein Zeichen. Der war bloss ein Trick. So wie der Geruch in Miras Haaren ein Trick war und die Art, wie sie dich angesehen hat, früher.

 

Am Mittagstisch. Du rauchst. Deine Mutter hat heute frei, sitzt gegenüber und redet über irgendwas. Sie hat die Spuren von der Maske von gestern noch im Gesicht. Du kriegst nichts mit, obwohl du dich anstrengst. In deinem Kopf geht alles durcheinander, die Drähte glühen. Du weisst nicht mehr, wann das angefangen hat: Die Leute quatschen und quatschen, machen die Münder auf und zu, aber sie könnten genauso gut in Kishuaheli mit dir reden, es kommt nichts an. Am Ende wird sie wütend. Immer wütender. Du könntest ihr sagen, dass es dir leidtut. Oder auch dass sie zehn Jahre älter aussieht, wenn sie das Gesicht so verzieht. Aber du lässt es bleiben. Früher hättest du so was gesagt, da hattest du noch Lust, dich mit ihr anzulegen.

 

In deinem Zimmer. Du liest Lovecraft. Der Flüsterer im Dunkeln. Kein billiger Horror und Splatterkram ist das, nein, das ist was ganz anderes. Lovecraft, der kann einem wirkliche Angst machen.

Obwohl, richtig gruselig ist doch eher der Nachrichtensprecher, als du später vor der Glotze sitzt. Du könntest üben, so einen Blick drauf zu haben wie der. Ganz cool, ganz freundlich, egal, was der sagt. Der verkündet jeden Tag den Weltuntergang, aber keinem geht das auf die Nerven, keiner verfällt in Panik. Dem Nachrichtentyp, dem sagt keiner, dass er die Leute in Ruhe lassen soll mit seinem Horror-Scheiss. Dem sagt keiner: Wieso erzählst du uns das mit dem toten Kind im Gefrierschrank? Wieso nervst du uns damit, dass das Virus keine Pause macht, während Payback, Google und russische Hacker uns weiter ausspionieren, dass der Regenwald abgefackelt wird, dass die Ozeane leer gefischt sind und stattdessen Unmengen von Plastik drin herumschwimmen, und dass die Faschisten sich weltweit zusammenrotten, um die Demokratie platt zu machen. Und weiss der Teufel was sonst noch. Am Ende gibt´s die Wettervorhersage, als wär´s eine Beruhigungspille, alles ist wieder cool, relaxt, du gehst in der Pause pissen und ziehst dir hinterher irgendeinen total überzogenen Actionscheiss oder eine Gameshow rein.

 

Du rauchst. Du wartest immer noch darauf, dass dir einer ein Zeichen gibt.

 

Du denkst daran, was Mira gesagt hat. Dass das mit dir und ihr nicht mehr so ist, wie es sein soll. Ihre Freundinnen fragen sie schon lange, was sie mit so einem Freak wie dir anfängt. Sie sagt, ihre Freundinnen meinen das nicht so. Aber dass sie das schon irgendwie stört, wie du dich anziehst. Und dass, wenn man mit dir redet, immer so komische Sachen rauskommen. Sie sagt, das sei wie Achterbahnfahren. Erst grosse Aufregung, aber hinterher sei ihr kotzübel und schwindlig davon.

Sie sagt, dass sie mal wieder ganz normal quatschen will, mit einem, der nicht immer so abgefahrene Sachen sagt, so negatives Zeug, vor allem, wenn ihre Freundinnen gerade in der Nähe sind.

 

Im Bett. Da sind keine Augen, keine Blicke mehr. Keiner, der dich abcheckt. Selbst deine eigenen Augen sind zugeklappt, versuchen, alles auszusperren. Du glaubst nicht an Gott, du hast nicht mal ein Poster von irgendeiner Band an der Wand. Könnte sein, dass alles leichter wäre, wenn du an irgendwas glauben könntest. Alles käme dir logischer vor oder vielleicht bloss rosa angestrichen. Keine Ahnung. Aber du könntest dir wenigstens einreden, dass dich einer bewacht. Der könnte Wache halten und du könntest schlafen.

So aber ist es bloss dunkel. Richtig finster. Das hältst du schlecht aus, also stehst du auf und ziehst das Rollo hoch.

Da ist dieser glitzernde Punkt, ein paar Zentimeter über der Mondsichel und du fragst dich, was das ist. Sieht aus wie ein Flugzeug, bewegt sich aber überhaupt nicht. Du musst das wissen, jetzt sofort. Du schaltest den Computer ein, wartest, bis er hochgefahren ist, loggst dich ein und surfst eine Weile ziemlich planlos durch die Gegend. Aber dann landest du einen Treffer auf der Seite von irgendeinem Sternguckerverein.

Die Venus. Der Punkt da ist die Venus.

Du stehst wieder am Fenster, reisst es auf, siehst noch mal genau hin. Die Venus flackert wie eine winzige, kalte Flamme. Jetzt. Sieh dir das an. Sie zwinkert dir zu.

 

Es ist das Zeichen.

Du guckst auf die Uhr, es ist halb vier. Du steigst in deine Jeans, deine Schuhe. Schleichst durch den Flur, ziehst dir Wohnungstür hinter dir zu. Dann rennst du los, die Treppen runter, raus. Du brauchst ungefähr zehn Minuten für den Weg. Zeit genug. Könntest es dir noch mal überlegen. Aber der Countdown läuft.

Als du auf der Brücke stehst, zögerst du. Dein Atem macht kleine, weisse Wolken im Licht der Strassenlaternen. Du beugst dich über die Brüstung und siehst nach unten. Die Strömung sieht man nicht, auch nicht die langen Ranken der dunklen Wasserpflanzen, die sich drin bewegen.

Deine Mutter hat dir früher Geschichten erzählt, von dem Mädchen, das dort unten herumschwimmt. Einmal hast du es gesehen, als du noch ganz klein warst. Sie hatte keinen Fischschwanz, wo die Beine hätten sein sollen, aber ihre Haut glänzte so merkwürdig in der Sonne. Sie hatte silberne Schuppen, überall da, wo andere Mädchen Sommersprossen haben. Jedenfalls kam dir das so vor, damals. Sie schwamm eine Kurve und verschwand unter der Brücke. Du hast dich von der Hand deiner Mutter losgerissen und bist auf die andere Seite von der Brücke gerannt, aber sie tauchte nicht mehr auf. Sie tauchte nie mehr auf, obwohl du danach immer auf sie gewartet hast. Bis du eigentlich zu alt warst, um noch an so was zu glauben.

Heute kriegst du sie garantiert nicht zu sehen.

Dafür ist es zu dunkel.

Also machst du nicht lange rum. Du guckst zur Venus hoch und sie blinkt und zwinkert noch einmal.

Spring. Spring endlich. Jetzt!

 

Die Kälte versetzt dir seitwärts einen harten Ruderschlag. Das Wasser schlägt dir die Zähne ins Fleisch, reisst an dir. Dann zerrt es dich weg, flussabwärts. Das ist das letzte, woran du dich erinnerst.

 

Du schlotterst. Du machst die Augen auf und guckst sofort in andere. Die sind eisblau mit grauen Sprenkeln.

„Hey! Bist du okay?“, fragt dich eine Stimme, von irgendwoher, dann noch mal und noch mal, immer wieder. Nervt, die Fragerei. Aber du kennst die Augen. Und die Stimme.

Da fällt es dir wieder ein. Beides gehört zu Leni, eine von Miras Freundinnen.

Scheisse.

Du machst die Augen wieder zu, als würdest du ihr die Tür vor der Nase zuknallen.

 

Auferstehung.

„Es ist scheisskalt hier“, rufst du und eine Krankenschwester bringt noch eine Decke, aber helfen tut das nicht. Du frierst weiter. Du wirst den Rest deines Lebens frieren als Strafe dafür, dass du die Sache mit dem Zeichen vermasselt hast.  

Leni sitzt immer noch da.

Du erinnerst dich einfach an gar nichts, also musst du Leni fragen, wohl oder übel.

„Kein Mensch kann sich vorstellen, wie du es bis ans Ufer geschafft hast, bei der Strömung.“

Als sie das sagt, läuft dir so ein Schauer über den Rücken, als wär sie Lovecraft, der dir etwas Unheimliches zuflüstert, das du eigentlich nicht hören willst. Könnte sein, dass du dich ganz dunkel doch daran erinnerst, das dir im Fluss begegnet ist. Da war was, aber du weisst nicht, was.

„Da hat dich dann ein Opa gefunden, der ganz früh mit seinem Dackel draussen war, weil er nicht hat schlafen können. Der war übrigens hier.“

„Wer?“, frage ich, weil ich immer noch überlege, was da war, draussen, mitten im Fluss. 

„Na der Opa. Wollte dich besuchen. Hat Schokolade mitgebracht.“

„Schokolade, echt?“

„Ja. Der ist richtig nett. Er hat gesagt, er hat dich gesehen, vor dem Supermarkt, wie du den Hund gestreichelt hast. Er meinte, wenn du Hunde magst, dann könntest du ja ab und zu mit seinem Dackel raus.“

Das ist scheisspeinlich und wahrscheinlich wirst du rot, aber Leni hört sich nicht so an, als ob sie sich über dich lustig macht. Nicht mal über den Opa. Sie redet einfach weiter. Also beschliesst du so zu tun, als wär´s die normalste Sache von der Welt, dass du mit dem Dackel von dem Opa Gassi gehen sollst.

„Welche Sorte?“, fragst du und grinst.

„Der Dackel?“

„Ey, nein, die Schokolade.“

Ihr prustet beide gleichzeitig los. Plötzlich ist die Sache die witzigste der Welt.   

„Vollnuss“, sagt sie, als sie wieder Luft bekommt und da lacht ihr wieder los.

Dann fällt dir noch etwas ganz anderes ein.   

„War meine Mutter da?“

„Was glaubst du denn? Tag und Nacht, vorhin ist sie nur mal kurz nach Hause, zum Duschen. Hat geheult vor Freude, als ich sie vorhin angerufen hab.“

Vielleicht ist es der Kälteschock, denkst du, jedenfalls fühlt sich alles nagelneu an.

„Wie lange war ich weggetreten?“

„Fast drei Tage.“ 

Und dann platzt du mit dem allerdämlichsten Satz heraus. „Und Mira? Wieso bist du da und nicht sie?“

„Wieso bist du gesprungen?“, fragt sie zurück, die Stimme mindestens so eisig wie dein tiefgefrorenes Hirn.  

Du zuckst mit den Schultern. In ihren Augen ist das sicher alles Kinderkacke. Du willst jetzt nicht über den Nachrichtensprecher reden oder dass du keinen hast, der auf dich aufpasst, wenn du schläfst. Plötzlich kommt dir das ziemlich abgefahren vor, aber vielleicht kannst du ihr später alles erzählen. Immerhin war der Opa genau zur richtigen Zeit am Fluss. Und Leni hockt schon ewig an deinem Bett und rührt sich nicht von der Stelle. Damit hast du echt nicht gerechnet.

„Ich kann nicht mal besonders gut schwimmen“, sagst du zu ihr.

„Der Opa hat gesagt, dass man manchmal erst merkt, wie man am Leben hängt, wenn es einem an den Kragen geht.“

„Ich weiss nicht“, sagst du.  Du hast immer noch das Gefühl, dass da draussen im Fluss etwas war, was dich gerettet hat. Aber die Version der Story, in der du dir selber geholfen hast, ist auch nicht schlecht. Vielleicht stimmen ja beide.

„Was denn“, fragt sie, „An was denkst du?“

„Vollnuss.“

„Haha.“

„Jetzt gib schon her.“   

Du freust dich wirklich, dass sie da ist, dass du die Schokolade mit ihr teilen kannst und dass der Opa so schlau war, eine Tafel im XXL-Format zu besorgen, denn ihr habt beide auf einmal mordsmässigen Hunger. Ihr quatscht weiter und stopft euch ein Stück Schokolade nach dem anderen rein. Du freust dich wirklich.

Das wundert dich.

Hast dich schon lange über nichts mehr gewundert.

Fühlt sich gar nicht so schlecht an.