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Wutwehr von Claudia Stump

Text des Monats Februar 2021 (Thema: Die Grossen Zwölf)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2021: «Die Grossen Zwölf», das Unterthema im Februar: Zorn.

 

Wutwehr

 

Wenn ich die Angst in den Augen sehe – das ist geil! Ich schlag einfach gerne zu. Klar weiss ich auch, dass man das nicht tut. Ich bestimme was gut ist, ja? Und ich tu was.

Ich soll meine Wut anders ausdrücken, hat die Tante gesagt. Die hat mich genervt. Die Tante musste ich einmal pro Woche besuchen. Dann gab sie mir Tipps, hat rumgelabert. Aber ich musste dahin, weil ich damals ausgetickt bin. Sonst wär ich wieder auf die Station gekommen. Da will ich nie wieder hin! Die pumpen dich mit irgendwelchen Scheissmitteln voll. Bin ich wie ein Zombie, hänge in der Ecke. Bin ich nicht ich selber. Das ist richtig scheisse. Drogen mag ich nicht!

 

Ich muss es irgendwo rauslassen. In die Fresse hauen, tut gut. Die Tante hat das nie verstanden. Ich tu so, als hätte sie Recht. Das kann ich auch. Die will immer wissen, wie ich mich fühle. Scheiss der Hund drauf. «Gefühle bestimmen die Gedanken», sagt die Tante. Nee, stimmt nicht. Meine Gefühle machen, was sie wollen. Ich mag das. Das ist wie so eine Welle, in die ich mich stürze. Und dann geht’s ab. Ich tauche da ein, hab den Tunnelblick und dann fühle ich mich gut. Weisst du, ich bin stärker, wenn ich im Tunnel bin. Ich bin bloss ein Mädchen, aber ich kann mich wehren. Meine Gefühle sind richtig geil, wenn ich zuschlage. Ich weiss, wo es weh tut. Hier und hier, da wo Alles weich ist. Augen sind am schlimmsten, da zuckt jeder weg. Du bist doch auch 'ne Frau. Musst du dich nie wehren? Hast du nie Lust, dem Typen mal voll eins in die Eier zu geben?

 

Klar, manche sind stärker. Mein Vater war auch stärker. Da warte ich dann auf den Moment, wo sie nicht mehr auf mich achten. Wo sie ganz in ihrem Gehechel sind. Wo sie die Augen verdrehen vor Geilheit. Die meinen dann, dass mir das auch Spass macht. So dumm. Weil der Mann Spass hat, muss ich auch Spass haben? Nee! Die haben keine Ahnung. Echt nicht. Und dann sind sie voll wehrlos. Ja. Man kriegt alles zurück, daran glaub ich. Beim ersten Mal, das war Zufall. Also dieser Erste, der war so ein Schwabbel. Ne fette Sau. Der hat gedacht, die kleine Maus, die kann ich klar machen. Dem gehörte der Imbiss. Die anderen Mädchen hatten mich gewarnt, dass der gerne an die Wäsche geht. Hat er bei jeder gemacht. Ist doch ein Arsch, oder? Ich meine, wir arbeiten bei ihm – das heisst doch nicht, dass wir ihm gehören? Oder? Bloss, weil er der Chef ist, kann er uns anfummeln? «Der hört auf, wenn du ihm einen runterholst», hat Paula gesagt. Die arbeitet auch da. «Tu so, als wär der scharf. Sonst feuert er dich.» Paula ist ein Opfer.

Ich nicht. Ich habe zugeschlagen. Da lag so ein halber Teller aufm Boden. Also, so 'ne Scherbe, weisst du. Weil wir vorher gekämpft haben. Der hat sich gewundert, dass sich eine wehrt. Da wurde der so richtig geil. Da flog alles durch die Küche. Mann, der Typ war über hundert Kilo. Bin auf der Mayo ausgerutscht. Wenn du aufm Boden liegst, ist kacke. Und dann habe ich die Scherbe genommen und dem Typen in den Hals gerammt. Hals ist weich, da kommst du gut rein. Blöd war nur, dass ich drunter lag. Echt blöd von mir. Das ist mir nur einmal passiert. Weil, der war echt schwer. Guck mal, ich bin ja eher klein, aber kräftig. So ein Wichser! Ist verblutet. Geschieht ihm recht. Scheiss der Hund drauf.

 

Naja, die kamen dann schnell auf mich. Stand ja aufm Dienstplan, dass ich da war. Hab dann gesagt, dass das – wie heisst das – Verteidigung? Nee, ach ja: Notwehr. So heisst das. Mit Notwehr kommste immer gut raus. Hatte ja überall blaue Flecken und so. Notwehr. Aber ich bin nicht in Not. Ich weiss genau, wann ich zuschlagen muss.

Alle hatten voll Mitleid mit mir. Musste dann zweimal pro Woche zur Tante. Sie hat gesagt, ich soll meine Gefühle rauslassen. Hab gemerkt, wenn ich einen auf Opfer mache und sage, wie schlimm das für mich war, da ging die voll drauf ab. Wollte alles ganz genau wissen. Hab ich ihr erzählt, was sie hören wollte. Hat sie gedacht, sie ist meine Freundin. So dumm! Die Psychos merken nicht, wenn du was vormachst. Auch egal.

Jedenfalls, damals war ich noch unter Jugendrecht. Musste ich so Massnahmen machen, Boxtraining und Meditation. Das Boxtraining war echt geil. Zuschlagen mit Ansage! Hab dann so getan, als hätte ich mein Aggress im Griff. Für die Psychotante war ich dann ‹geheilt›. Ich war nie krank. Scheiss der Hund drauf. Beim Boxen hab ich mich gut gefühlt. Der Trainer war der Einzige, der gemerkt hat, dass ich das geil finde, wenn ich drauf los dresche. Bin dann da weg und zum Thaiboxen gegangen. Das ist noch härter, weil du treten darfst. Da habe ich alles gelernt, um mich zu verteidigen. Egal wie schwer der Typ ist.

 

Pass auf, das hab ich noch nie erzählt: Als der Schwabbel, ja, der Typ ausm Imbiss, der Erste also, als ich dem die Scherbe in den Hals gerammt hab, da hat der so geguckt. Erschrocken. Da war so was in seinen Augen. Der hat kapiert, dass er verloren hat. Dass ich stärker bin. Das konnt ich sehen! Geil. Richtig geil. Der wusste, dass er jetzt alles zurück kriegt. Das war so, wie soll ich sagen, ein Triumph? Der Höhepunkt, haha?! Noch besser als das Zuschlagen, echt Königsgefühl. Da habe ich zum ersten Mal gespürt, dass ich was verändern kann. Verstehst du?

 

Da ist dann der Plan entstanden. Hab viel nachgedacht. Ist sonst nicht so mein Ding. Kleiner Scherz. Nee, echt, ich hab das aufgeschrieben und so. Und ich hab Zeitung gelesen. Krass, was da alles drin steht. Hat aber nicht so viel gebracht. Bin dann ins Internet. Das war auch nicht ohne. War aber schwer, an die Adressen zu kommen. Und dann hatte ich die geniale Idee – wirklich, muss ich mich selber loben – so eine geniale Idee! Ich bin in die Selbsthilfegruppe gegangen. Bähm! Da habe ich sie gefunden. Wir haben uns dort erzählt, was uns so passiert ist. Konnte ich gut mithalten. Habe ich auch mal das von meinem Vater erzählt. Was soll ich sagen, hat gut getan, das mal rauszulassen. Weil, die anderen hatten ja ähnliche Stories. Da konnte ich meine dazu legen. Da war sie gut aufgehoben, sozusagen. In dem Kreis war das normal. Haben alle erlebt. Fängt immer zuhause an: der Vater, der Bruder, der Onkel. Manchmal alle drei. Krieg ich echt ‘ne Wut. Musste ich mich voll zusammenreissen da, dass ich nicht austicke. Der Thai-Lehrer, der hat mir das mit dem Atmen beigebracht. «Wenn die Wut wild ist, wird der Atem lang», hat der gesagt und dann so lang ausgeatmet. Krass. So lange ausatmen kann kein normaler Mensch. Das habe ich geübt, wenn die anderen Mädchen erzählt haben. Du kriegst das Kotzen, was da passiert in den Familien. Ich kann auch sehr lange ausatmen, mittlerweile.

Wir haben aber auch über andere Sachen gesprochen, normales Zeug. Eine, die hiess Sandra – wobei die Namen sind nicht echt, wegen anonym bleiben – die hatte versucht, ihre kleine Schwester zu schützen. Sie hat sogar im Ehebett mit ihrem Vater geschlafen, damit der die Kleine in Ruhe lässt. Aber der war echt böse. Die hatte auch keine Mutter, wie ich. Gut, dann habe ich mit der so auf Freundschaft gemacht. Hab zugehört. Auch mal zusammen nach Hause gegangen. Wusste ich dann, wo sie wohnt. Wie sie mit echtem Nachnamen heisst. Dann war es einfach, den Vater rauszukriegen. Und wo der wohnt. Der war wieder raus ausm Knast. Den habe ich, wie so ein echter Detektiv, voll ausspioniert. Ohne, dass der was merkt. Ich kann unauffällig sein, wenn ich das will. Ja, habe das alles aufgeschrieben. Was der so tut, wo der hingeht. Menschen sind so, wie sagt man? Ich wusste, was der als Nächstes tun wird, verstehste? Ja genau, vorausschaubar. Cooles Gefühl, wenn du weisst, was der noch nicht weiss. Ich bin gar nicht so blöd.

 

Jedenfalls, dann kam der Plan. Bei dem war das so einfach. Der war versoffen, ist jeden Samstag in seine Kneipe. Und jede Samstagnacht um ein Uhr raus aus dem Laden. Kinderspiel, den fertig zu machen. Der hat das nicht mal mitgekriegt, das war schade. Hat mich nicht angeguckt, war so zugedröhnt. Zusammengeklappt wie ein nasser Sack. Das Messer hab ich behalten. Ist mein Glücksbringer. Ziel erreicht. Hat ausgesehen wie ein Überfall wegen Geld. Stand auch so im Polizeibericht. Online, weisst du. Klar weisst du das. Gehörst ja auch zu dem Verein. Aber kannst dich vielleicht noch erinnern? Nee? Egal. So. Jedenfalls, hat dann keiner nach mir gesucht. Das war besser als beim Schwabbel. Hab mich unsichtbar gemacht. Diese Sandra, oder wie auch immer sie in echt heisst, die habe ich dann nochmal getroffen. Hab ich so gefragt: «Und, wie gehts?»

Und die voll angefangen zu heulen, dass ihr Papa jetzt tot sei. Kapier ich nicht. Hab ich sie gefragt, warum sie jetzt nicht glücklich ist, wo das Schwein tot ist. Und sie so, nee, ja, ist sie schon, glücklich, aber auch irgendwie nicht. Das war krass.

Ich frag sie: «Fühlst du dich nicht befreit jetzt?»

Sie so: «Befreit? Nee, ich schlepp das weiter mit mir rum. Ist alles noch in mir drin.»

Okay, ich erwarte keine Dankbarkeit. Aber so, wie soll ich sagen? Ich dachte, das ist gut für die. Hilft ihr irgendwie. Naja. Scheiss der Hund drauf. Ich fands gut, dass ich das gemacht hab. Man muss was tun. Jeder kriegt zurück. Für mich war das voll die Befreiung, als mein Vater tot war.

Heulst du etwa? Geht dir an die Nieren, was?

 

Und dann bin ich in eine andere Stadt. Wieder so in die Selbsthilfegruppe. Das ist echt super. Weil, du bleibst da anonym. Die Psychos fragen nichts. Du musst nur sagen, dass du so Sachen erlebt hast. Das mit dem Schwabbel hab ich nie erzählt. Die sollten nicht wissen, dass ich mich gewehrt habe. Ohne Not. Keine Notwehr. Wutwehr – das trifft es besser. Ich habe dann Krav Maga gelernt, das ist voll der krasse Kampfsport. Aus Israel vom Geheimdienst. Da geht es richtig ab. Die Ausschaltung des Gegners ist das Ziel. Genau mein Ding. Ich könnte auch so als Spion arbeiten. Stelle ich mir manchmal vor, so im Krieg, da hätte ich die Bösen ausgeschaltet, verstehst du? Ich träum manchmal davon, also nicht in echt in der Nacht. Sondern, wenn ich so abhänge. Stelle mir vor, wie die Welt wäre, wenn ich so Superkräfte hätte. Ich wär voll stark, alle hätten Angst vor mir. Ich hätte so eine Zentrale. Weisst du was die Wahrheit ist? So ein Spruch. Hat der Thai-Lehrer gesagt: «Wut handelt, Zorn plant.» Voll die Wahrheit! Also, in meiner ‹Zorntrale› plane ich, wer hops genommen wird. Wer böse ist. Wer zurück kriegt. Aber das ist gar nicht so einfach. Oder? Ich meine, ihr Bullen, ihr wisst immer, wer gut und wer böse ist. Wer sich an die Regeln hält, ist gut, oder? Aber zum Beispiel meine Mutter, ja? Die ist abgehauen, da war ich acht. Weil sie meinen Vater nicht mehr ausgehalten hat. Ich kann das verstehen. Aber! Sie hat meinen Bruder und mich bei ihm gelassen! Da hat das nämlich angefangen. Ich konnte nicht abhauen. Also, ist meine Mutter jetzt böse oder gut? Ich hab keine Erinnerung mehr an meine Mutter. Wüsste nicht mal, wie die aussieht jetzt. Scheiss der Hund drauf. Mein Bruder sagt, ich seh ihr ähnlich. Darum hab ich die Haare abgeschnitten. Mein Bruder ist bester Mann! Der hat mich immer beschützt. Sowas muss ein grosser Bruder machen. Das ist gut. Der hat mir auch gezeigt, wie ich mich wehren kann. Der konnte Judo. Auch gut. Als der meinen Vater fertig gemacht hat, da habe ich ihn angefeuert. Ich hab sowas von geschrien. Wusste ich nicht, dass ich so krass schreien kann.

Aber was ist jetzt gut? Dass mein Bruder mich von unserem Vater befreit hat – für mich gut. Und ihr habt ihn eingesperrt. Für euch ist er böse. Eure Regeln. Wenn er rauskommt, ziehen wir zusammen. Versprochen.

Meine Regeln sind anders. Ich sage, wer böse ist. Und wer dran ist. Die nächsten waren super easy. Einen hab ich von der Brücke geschubst, der ist ertrunken. Wär ich fast erwischt worden, weil so ein bescheuerter Hund ankam. Und sein Frauchen.

 

Pass auf, ich war in echt vielen Städten, vielen Selbsthilfegruppen. Krass, wie viele Frauen da sind. Dabei sind das längst nicht alle. Dunkelziffer, weisst du. Die tauchen nicht auf. Und da hat auch manchmal Eine erzählt, dass sie sich gewehrt hat. Sind nicht alle Opfer. Wir sind Schwestern. Nee, ich sage dir nicht, wer. Mann, ich weiss nicht mal, ob der Name echt ist. Wir sind da anonym in der Gruppe, kapierst du das nicht? Jedenfalls weiss ich, dass ich nicht alleine bin. Verstehst du?

Du bist doch auch kein Opfer. Du tust ja was. Gut, auf der anderen Seite als Frau Kommissar. Trotzdem ganz gut, wenn du die Schweine fängst. Aber du kriegst nicht alle. Du weisst, wer böse ist und wie viele da noch sind. Genau. Du musst dich an die Gesetze halten. Ich nicht. Ich kann zuschlagen. Ich kann immer sagen, es ist Notwehr. Du weisst, wie viele da draussen noch frei rumlaufen und weitermachen und weitermachen. Und niemand hält die auf? Doch, du kannst was tun, Schwester. Wir sind viele.

Der Akku ist leer, da, an der Kamera. Kontrollier das mal. Mach die Kamera aus. Los.

So. Gut. Danke.

Pass auf, okay? Pass gut auf: Wenn ich gleich mit dir raus gehe zum Wagen, dann muss ich mal ganz dringend, okay? Du gehst mit mir zurück. Aber wir gehen da hinten lang, Richtung Keller, da ist ein Notausgang ohne Kontrolle. Okay? Ich tu dir nicht weh, aber es muss schon so aussehen, dass du das Opfer bist. Klar? Dafür gebe ich dir hier alle Details. Aus jeder Stadt. Dann bist du die Heldin. Kannst alles aufklären. Aber du gibst mir was zurück. Gut?

Dann mach die Kamera wieder an. Schwester.