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Zurückgekehrt von Jasmine Keller

Text des Monats Dezember 2020 (Thema: Klima- und andere Katastrophen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2020: «Klima- und andere Katastrophen», das Unterthema im Dezember: Raunächte.

 

Zurückgekehrt

 

Ich schliesse die Tür, so leise es geht, und trete auf den Vorplatz. Sogar hier draussen riecht es noch nach Gewürzen und Weihnachtsbraten, aber immerhin auch nach Winterluft und nach etwas Verlorenem, was mich beruhigt. Ich gehe auf der Strasse in Richtung Dorf hinunter, blicke in der Dunkelheit hoch zu den neu gebauten Häusern und den gefällten Bäumen und denke: Das ist mein Schulweg. Ich hatte nicht einschlafen können, das Bett war zu klein, die Zimmerdecke zu tief, aber das war nicht das Problem, das Problem war, dass ich nicht aufhören konnte zu denken, dass dies meine Schuld sei. Ich bin einfach zu gross geworden, unanständig gross, unübersehbar gross und ich passe nicht mehr. Ich bin seit Jahren nicht mehr hier gewesen, aber da sie sich vor ein paar Monaten von ihrem Lebenspartner getrennt hat, hatte die Mutter dieses Jahr einen Verhandlungsvorteil.

Und so bin ich nun also auf dem Weg hinab ins Dorf, man sieht den Himmel gut hier draussen, um Mitternacht gehen die Strassenlampen aus und in der kalten Dunkelheit lastet die Schuld weniger schwer. Da ich nicht weiss, wohin ich gehen will, und es hier eigentlich auch keinen Ort gibt, an den man hingehen kann, bemerke ich erst, dass ich zur Schule gegangen bin, als ich den Sportplatz betrete und ein automatisches Licht angeht. Ich steige über die Absperrung und gehe über den matschigen Rasen, auf dem ich früher Fussball gespielt habe, ich war darin nie besonders gut und musste meistens ins Tor, wo ich allerdings auch nicht wirklich brillierte. Ich gehe auf die kleine Holztribüne zu. Dort setze ich mich hin und das Licht geht wieder aus. Ich zünde mir eine Zigarette an. Wahrscheinlich bin ich nur von zuhause weggegangen, um zu rauchen, denn meine Mutter mag es nicht, wenn ich rauche.

Ich schaue dem Rauch zu, den ich ausblase, als eine Stimme aus der Dunkelheit meinen Namen sagt: „Liriana?“ Und ehe ich antworten kann, setzt sich Eliane neben mich. „Eliane“, sage ich und ich höre sie leise lachen. „Na sowas“, sagt sie. Oder vielleicht sage ich es. Es ist jedenfalls na sowas. „Weihnachtsbesuch?“, fragt sie und ich sage: „Ja, Weihnachtsbesuch.“ Sie fragt, ob ich eine Zigarette für sie hätte und ich reiche ihr eine. „Ich habe gehört, dass dein Vater gestorben ist“, sagt sie. „Ja“, sage ich wieder und gebe ihr Feuer. „Wo wohnst du denn jetzt?“, fragt sie. „Zürich“, sage ich und es klingt fremd. Es klingt so, wie Zürich hier schon immer klang, nach weit weg, nach unerreichbar, und es fühlt sich ein bisschen an wie eine Lüge. „Und du?“, frage ich. „In der neuen Überbauung auf dem Feld bei der Kiesgrube“, antwortet sie und ich mache ein anerkennendes „Mhm“ in einer seltsamen Stimmlage. Sie sei geschieden, erzählt sie dann, sie ist mit Andi verheiratet gewesen, der zwei Klassen über uns war, das frage ich nicht, das weiss ich noch. Von Kindern spricht sie nicht und ich frage nicht. Mein Beziehungsstatus ist schwierig zu benennen, ich erzähle ihr, dass meine Partnerin Vegetarierin sei und meine Mutter auf ihren Weihnachtsbraten bestanden habe, weshalb ich alleine gekommen sei. „Mhm“, macht nun sie in einer seltsamen Stimmlage. Und nach einer Weile fragt sie lachend: „War das nicht auch um Weihnachten, als wir damals in den Friedhof eingebrochen sind nachts?“ - „Oh wow!“, ich lache mit. „Stimmt! Ich glaube es war sogar auch am Heiligabend.“ - „Du warst davon überzeugt, dass die Geister rauskommen in diesen Tagen“, sagt sie und wir lachen beide. Ich sehe uns, wie wir damals über die Mauer kletterten und dann aus einer geklauten Flasche irgendeine Spirituose tranken. „Oje“, ich schüttle den Kopf, wie erwachsen ich damals zu sein glaubte. „Ich mochte den Schnaps nicht“, gestehe ich. Und sie sagt: „Ich auch nicht.“ Und irgendwann fragt sie mich, ob wir noch ein bisschen spazieren sollen. Und wir spazieren noch ein bisschen. Als wir an der Kirche vorbeigehen und ich den Weg zum Friedhof sehe, sage ich: „Es ist wahr, weisst du. Die Geister kommen wirklich raus in diesen Tagen.“ - „Ach ja?“, fragt sie. Und kurz darauf: „Wo raus kommen sie denn eigentlich?“ Ich überlege: „Aus der anderen Dimension wahrscheinlich?“ - „Oder…“, sie senkt die Stimme, „aus den Träumen der schlafenden Kinder. Sie haben heute die Geschenke aufgemacht und nachts machen sie die Türen zur Unterwelt auf.“ Ich schaue sie an, ohne sie wirklich sehen zu können. „Das ist aber gruselig“, sage ich und sie lacht und singt dann in einer hohen Kinderstimme die erste Zeile eines Weihnachtsliedes. „Hör auf!“, lache ich und schubse sie ein bisschen. „Aha!“, sagt sie dann lachend. Und plötzlich nicht mehr lachend fügt sie hinzu: „Du bist also immer noch ein Angsthase.“ Die Luft ist gefroren, mein Versuch nochmals unbeschwert zu lachen, kann sie nicht auftauen. Höchstens ekliger Schnaps aus einer geklauten Flasche könnte dies vielleicht, oder wahrscheinlich noch ihr jugendlicher Atem. Aber unser gemeinsamer Atem ist damals im Friedhof geblieben, denn ich habe einen Freund gehabt. Und sie begann kurz darauf eine Beziehung mit Andis bestem Freund. Als sie ihn später für Andi verliess, war es ein kleiner Skandal. Ich erinnere mich, denn dies war kurz bevor ich von hier weggezogen bin.

Wir gehen schweigend auf der Hauptstrasse Richtung Kiesgrube, es fahren keine Autos. In einigen Häusern sind noch einzelne Fenster beleuchtet und das Licht der Weihnachtsdekorationen wird vom Bodennebel weich gemacht. „Ich bin gegangen, Eliane, um nicht mehr Angst haben zu müssen“, sage ich irgendwann und es klingt hohl. Sie sagt nichts. Sie sagt vor allem nicht, dass sie hiergeblieben ist. Ich weiss, dass sie das Recht hätte, es zu sagen. Und so sagen wir beide lange gar nichts, bis sich das Feld vor uns eröffnet und links der Weg zur neuen Überbauung abzweigt. „Magst du noch einen Tee trinken?“, fragt sie dann und mir scheint, ihre Stimme versuche, ein leichtes Beben zu verstecken. Wahrscheinlich die Kälte. „Ja, gerne“, antworte ich und wie wir die neue Siedlung betreten, frage ich, wann die Häuser denn gebaut wurden. „Vor zwei Jahren“, sagt sie, und eine Reihe kleiner Lampen gehen an und leuchten uns den Weg. Ich höre ihren Schlüsselbund, wie sie ihn aus der Manteltasche zieht. Sie schliesst die schwere Glastür auf und ich folge ihr die Treppe hoch in den zweiten Stock. Sie steckt den Schlüssel in die Wohnungstür und hält inne, sie dreht sich zu mir um: „Das war vor genau zwanzig Jahren!“, sagt sie und es klingt erstaunt. Dann öffnet sie die Tür, lässt mich eintreten und knipst das Licht an. Sie schliesst die Türe hinter mir, lässt den Schlüssel stecken. „Zwanzig Jahre“, sage ich. Wir stehen im Flur. „Zwanzig Jahre und ich mag immer noch keine Spirituosen“, sage ich. Sie schaut mich an, ich schaue sie auch an und meine Hände zittern nicht, als ich den obersten Knopf ihres Mantels öffne.