Sommer­lese­tipps

Sandra Gubler, Literaturhaus

Werner Rohner «Was möglich ist»

In seinem zweiten Roman erzählt Werner Rohner von drei mutigen Frauen, die in Sachen Beziehungen auf ihr Bauchgefühl hören, sie wagen Neuanfänge oder Ausbrüche, erleben die Liebe – schön, traurig, divers wie im echten Leben. Was möglich ist, wenn mensch sich traut, sich einlässt, gewohnte Bahnen verlässt, Neues ausprobiert: «Ich hab es mir gar nicht vorstellen können. Aber ich find, es ist noch schöner, als ich es mir nicht hab vorstellen können.» Einfühlsam und unaufgeregt erzählt Werner Rohner von Sehnsucht und Begehren, von Aufbruch und Verlust.

Lenos Verlag, Basel 2020 / Signatur MUG: N 6061

Annette Erzinger, Bibliothek

Esmahan Aykol «Hotel Bosporus und Scheidung auf Türkisch»

Sind Sie auf der Suche nach einer leichten Sommerlektüre? Dann kann ich Ihnen die Kati Hirschel Reihe von Esmahan Aykol empfehlen. Kati Hirschel lebt als Deutsche Türkin der zweiten Generation in Istanbul. Sie betreibt eine Krimibuchhandlung in Istanbuls Zentrum und das Lesen von Krimis bringt sie dann auch auf die Idee, dass sie selbst eine Detektivin sein könnte. Zusammen mit ihrem Mitbewohner und Mitarbeiter Fofo stürzt sie sich – zum Teil ungefragt – auf alle Kriminalfälle, die ihre Neugierde wecken. Die Autorin nimmt das Krimigenre nicht so ernst und nimmt auch sonst so einiges aufs Korn. Das erste Buch der Reihe «Hotel Bosporus» spielt unter Deutschen in Istanbul, in der Wahl dieses Themas liegt auch die Stärke des Buches. Die Autorin stellt die Vorurteile und das Unwissen, mit welchen sich «Deutsche» und «Türk*innen» begegnen sehr humorvoll dar. Auch in den anderen Fällen für Kati Hirschel sind es insbesondere die Wahl der politischen Hintergründe, welche die Bücher interessant machen. Im dritten Band «Scheidung auf Türkisch» geht es zum Beispiel um Umweltverschmutzung und die Ökologie-Bewegung in der Türkei. Dies ist auch vierzehn Jahre nach Erscheinen des Buches aktueller denn je. Das Beste an den Büchern von Esmahan Aykol sind aber die Beschreibungen von Istanbul und der vielfältigen Menschen, die in dieser Millionenmetropole leben.

Diogenes Verlag, Zürich 2003 und 2008, aus dem Türkischen von Karl Coss/Antje Bauer / Signatur MUG: J 5338, J 8113

Beatrice Mascarhinhos, Lesesaal

Joachim B. Schmidt «Tell»

Fesselnd und bewegend erzählt der Autor in einer modernen Neuauflage die Tell-Saga. In kurzen Kapiteln werden die Geschehnisse aus 20 Perspektiven eingefangen und rasant vermittelt. Schmidts Tell ist ein Freiheitskämpfer wider Willen, der eigentlich nur in Ruhe gelassen werden will. Doch die Herrschaft des Habsburger Landvogtes Gessler und seiner tyrannischen Soldaten unter dem Befehl des macht- und blutdurstigen Harras zerstören den ländlichen Frieden und schikanieren die arme Bevölkerung. Durch seine Wilderei gerät Tell in Harras’ Visier. Die Herausgabe des Fleisches genügt nicht, so wird auch der Leiterwagen konfisziert und Wilhelms Mutter dabei schwer verletzt. Als Tell sich in seiner Überlebensnot dazu genötigt sieht eine Kuh zu verkaufen und auf dem Weg zum Markt unwissentlich einen Fauxpas gegenüber dem Landvogt begeht, spitzt sich die Lage zu und eine Heldensage nimmt ihren Lauf… Das Buch liest sich wie ein Thriller. Ich habe mich in die Schweizer Bergwelt versetzt gefühlt, mit den Bauern gelitten und mit Tells Familie um die Existenz gebangt.

Diogenes Verlag, Zürich 2022 / Signatur MUG: N 6891

Alexandra Müller, Literaturhaus

Ida Lødemel Tvedt «Tiefseetauchen» 

«Mariannengraben» heisst dieses Buch wortwörtlich aus dem Norwegischen übersetzt, die tiefste Meeresstelle der Welt. In ihrem autobiografischen Essay «Tiefseetauchen» nimmt uns die norwegische Autorin mit in ihr Leben: Nach New York, Norwegen, Schottland oder Griechenland, überall rauscht das Meer im Hintergrund mit. Anhand von Kakerlaken, Glitzerlidschatten und Kaffeebesuchen werden die wichtigen Themen unserer Zeit analysiert: Liebe, Sexismus, Wurzeln, Nationalismus, Religion… Gestützt auf Zitate von Philosoph*innen, Künstler*innen und Figuren der Popkultur und mit einer guten Portion Selbstironie geht Ida Lødemel Tvedt den Dingen auf den Grund. Bildreich und humorvoll geschrieben – so lässt sich auch in der Sommerhitze genussvoll philosophieren. (Übrigens kann das Gespräch mit der Autorin von letztem Jahr auch auf dem YouTube Kanal des Literaturhaus nachgeschaut werden.)

Kommode Verlag, Zürich 2021, aus dem Norwegischen von Karoline Hippe / Signatur MUG: W 1307

Gesa Schneider, Literaturhaus

Josephine Rowe «Ein liebendes, treues Tier» 

Zum ersten Mal kommt eine australische Autorin zu uns als Writer in Residence, deshalb möchte ich natürlich unbedingt den sehr eindrücklichen Roman «Ein liebendes, treues Tier» von Josephine Rowe empfehlen. Es geht um eine Familie im Südwesten Australiens, um Sprache und Sprachlosigkeit, um Gewalt und Traumata. Auslöser der Geschichte ist der brutale Tod des geliebten Familienhundes, was wiederum das Verschwinden das Vaters zur Folge hat – und die Suche nach ihm. Dafür, und für die Trauer von Menschen, die immer wieder damit ringen, eine Sprache für ihre Gefühle zu finden, schafft Josephine Rowe präzise, fast schon cinematographische Bilder, die einem lange nach der Lektüre nicht aus dem Kopf gehen.

Liebeskind, München 2019, aus dem Englischen von Barbara Schaden / Signatur MUG: N 4927

Mirjam Schreiber, Bibliothek

Claire Thomas «Die Feuer» 

Drei Frauen sitzen in Melbourne im Theater. Es wird «Glückliche Tage» von Beckett gespielt, draussen wüten Buschfeuer. Die 70-jährige Literaturprofessorin Margot, ihre 40-jährige ehemalige Studentin Ivy und die 22-jährige Summer, die als Platzanweiserin jobbt, driften je auf ihren Plätzen in ihre eigene Gedankenwelt ab. Dabei gewähren sie Einblick in ihren Alltag, ihre Vergangenheit und ihre aktuelle Befindlichkeit. Geschickt verbindet die Autorin dabei das Geschehen auf der Bühne mit dem Innenleben der drei Frauen und behandelt existentielle Fragen und gesellschaftliche Debatten ohne den Roman dadurch zu beschweren.

Hanser, München 2022, aus dem Englischen von Eva Bonné / Signatur MUG: N 7101

Isabel Suter, Lesesaal

Ewald Arenz «Der grosse Sommer» 

Die Zeichen auf einen entspannten Sommer stehen schlecht für Frieder: Nachprüfungen in Mathe und Latein. Damit fällt der Familienurlaub für ihn aus. Ausgerechnet beim gestrengen Großvater muss er lernen. Doch zum Glück gibt es Alma, Johann – und Beate, das Mädchen im flaschengrünen Badeanzug. In diesen Wochen erlebt Frieder alles: Freundschaft und Angst, Respekt und Vertrauen, Liebe und Tod. Ein großer Sommer, der sein ganzes Leben prägen wird. Hellsichtig, klug und stets beglückend erzählt Ewald Arenz von den Momenten, die uns für immer verändern.

Dumont, Köln 2021

Isabelle Vonlanthen, Literaturhaus

Shulamit Lapid «Lokalausgabe. Lisi Badichis erster Fall» 

Lisi Badichi arbeitet für die Lokalausgabe einer grossen israelischen Zeitung in Be’er Schewa, im Süden des Landes. Sie soll von der Party eines angesehenen Richters berichten, im Verlauf des Abends wird sie vom Gastgeber bedrängt und am Ende der Feier wird dessen Gattin erschossen aufgefunden. Lisi stürzt sich mit dem Spürsinn einer Reporterin in die Ermittlungen und kommt dabei immer wieder ihrem Schwager Benzi in die Quere, der als örtlicher Polizist den Fall bearbeitet. Die Stärke der Romans liegt in der leichten, humorvollen Schilderung, und vor allem der Hauptfigur: Man folgt der unbeholfenen, tapsigen, aber auch wild entschlossenen und originellen Lisi von der ersten Seite an gern. Für «Lokalausgabe» erhielt Schulamit Lapid 1996 den deutschen Krimipreis, der Roman erscheint neu als Taschenbuch im Zürcher Dörlemann Verlag – die weiteren Fälle werden hoffentlich folgen!

Dörlemann, Zürich 2022, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler

Dvorah Verlag, Frankfurt am Main 1995, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler / Signatur MUG: J 1267

Beatrice Weber, Bibliothek

Tschingis Aitmatow «Dshamilja»

1943: Viele kirgisische Familien haben unter sowjetischem Druck ihren nomadischen Lebensstil aufgegeben und arbeiten nun für landwirtschaftliche Genossenschaften. Während die Männer aus dem Ail (kirgisisches Dorf) an der Front gegen die Wehrmacht kämpfen, müssen die Daheimgebliebenen umso härter zupacken. Dies trifft auch auf den 15-jährigen Ich-Erzähler Seït und seine lebhafte, manchmal ungestüme Schwägerin Dshamilja zu. Zusammen mit dem von der Front zurückgekehrten Danijar fahren die beiden Korn zum Bahnhof. Auf den langen Fahrten durch die malerische Steppe verlieben sich die verheiratete Dshamilja und der schweigsame Danijar unsterblich ineinander.

Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985 / Signatur MUG: H 5236

Patrizia Z’graggen, Lesesaal

Tanguy Viel «Das Mädchen, das man ruft»

Nein, das ist kein netter, harmloser Sommerroman, auch wenn Tanguy Viel seine romans noir gerne in der Ferienregion Bretagne verortet. Der Autor kann sich zu gut vorstellen, wie filzig und zutiefst unmoralisch es überall, auch in der malerischen Bretagne, zugehen kann. Die Hauptfigur, die junge schöne Laura, sieht sich unvermutet – ja ausgeklügelt übertölpelt – als «zum Mädchen, das man ruft» geworden und übersetzt damit gleichzeitig den Ausdruck Callgirl. Tanguy Viel hat einen Me-Too-Roman geschrieben. Hier die wichtigsten Fakten der Erzählung: der Bürgermeister eines Städtchens verguckt sich in Laura, die Tochter des zur Legende gewordenen Champion-Boxers Max. Laura ist eben erst, nach Jahren in Rennes, zurückgekehrt und nun bittet der Vater, der gleichzeitig als Chauffeur des Bürgermeisters arbeitet, diesen darum, Laura bei der Wohnungssuche zu helfen. Skrupellos beginnt der Gemeindevorsteher seine Stellung gegenüber Laura auszunützen. Wer sich auf die mitunter brutale Geschichte einlässt, wird durch Viels einzigartigen Stil belohnt. Rhythmisch schlagen die Sätze wie Wellen an eine Mauer und die Bildhaftigkeit im Erzählen ist ausserordentlich stark.

Wagenbach, Berlin 2022, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel / Signatur MUG: W 1382 (französisches Original: R 9894)